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Baumwollsammelplatz (J.Meyer)

Wirtschaft und Entwicklung

Alle wichtigen Strukturdaten zu Wirtschaft und Entwicklung
BeschreibungInhalt
geschätztes BIP (2011):10,58 Mrd. Euro
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität):1258 US-$
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI):Rang 184 (von 187)
Anteil Armut (unter 2  $ pro Tag):80%
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient):39,8
Anteil alphabetisierte Erwachsene:26 %

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Das LIPortal

Tschad

Wirtschaftssystem und seine Sektoren

Die Wirtschaft des Tschad ist geprägt von der Landwirtschaft und der seit 2003 bestehenden Förderung von Erdöl. Die Probleme der Wirtschaftsentwicklung lassen sich vor allem duch die Binnenlage, jahrzehntelange politische Instabilität und hohe Energiekosten erklären. 
Seit die Erdölförderung im Doba-Becken begonnen hat, wird die Wirtschaft mit etwa 47,8 % am BIP vom Industriesektor dominiert. Die Landwirtschaft trägt mit 21,5 % und der Dienstleistungssektor mit 30,6 % zum BIP bei.
Korruption und eine schwach ausgebildete Rechtssicherheit behindern sowohl die Privatwirtschaft als auch vorhandene Entwicklungspotenziale in großem Maße. Eine dringende Forderung des Internationalen Währungsfond (IWF) und der Weltbank (WB) ist die Privatisierung der wenigen traditionellen Schlüsselindustrien (Baumwolle, Elekrizität- und Wasserunternehmen), die aber nach wie vor unter staatlicher Kontrolle stehen. Allein die Zucker- und Mobilfunkbetreiber-Unternehmen sind bereits privatisiert worden. Eine mangelnde Infrastruktur erschwert zusätzlich den Handel und die wirtschaftliche Entwicklung, besonders außerhalb der vier größten Städte. Es existieren inzwischen ca. 1600 km geteerte Straßen; das weitläufige Pistennetz ist während der Regenzeit größtenteils unpassierbar und schränkt die Versorgung der ländlichen Gebiete stark ein.

Wirtschaftssektoren

Wasserturm in Mao (Joerg Meyer)
Wasserturm in Mao (Joerg Meyer)
Braunhirse (Annette Funke)
Braunhirse (Annette Funke)
Reisernte (Annette Funke)
Reisernte (Annette Funke)

Landwirtschaft: Rund 80 % der Arbeitskräfte sind nach wie vor in der Landwirtschaft tätig, wobei lediglich 3% der Landesfläche für den Ackerbau nutzbar sind. Allerdings deckt die überwiegend auf Subsistenz ausgerichtete Landwirtschaft nur in regenreichen Jahren die nationale Selbstversorgung. Aufgrund fehlender Mittel und fehlendem know-how dominieren einfache, traditionelle Anbauweisen die Landwirtschaft. In Zentral- und Nordtschad wird von den Tubu, den Fulbe und anderen Ethnien nomadische und halbnomadische Viehhaltung praktiziert. Im Rahmen der Subsistenzwirtschaft werden vor allem von den Frauen kleine Gemüsegärten in der Nähe der Gehöfte angelegt. Überschüsse werden dann im Kleinhandel auf den lokalen Märkten angeboten.

Da die Erntemengen infolge großer Variabilität der Niederschläge stark schwanken, ist die gesamtwirtschaftliche Situation ausgesprochen labil. Schon 2007 bis 2009 gab es in einigen Regionen (2009 in und um Bongor) erhebliche Verluste und Ernteschäden durch Überschwemmungen und auch 2010 und 2012 hinterließen die extremen Regenfälle Verheerungen und waren Ursache von Choleraepidemien.

Die Entwicklung der Ernährungssituation im Tschad wird im Welthunger Index 2013 als leicht positiv (von 37,7 1990 auf 29,9 2008 und 2013 auf 26,9 Punkte verbessert) bewertet, allerdings sind in diesen Statistiken nur teilweise die aktuellen Ereignisse, wie etwa die Nahrungsmittelkrise und die Finanzkrise mitberücksichtigt worden, die enorme Preissteigerungsraten mit sich brachten. Insgesamt rangiert der Tschad damit immer noch auf den letzten Plätzen und die Ernährungslage wird als ernst eingestuft. Wie bereits in den Vorjahren ist auch 2012 besonders der mittlere Westen des Tschad (Guera, Kanem, Bahr-el-Ghazal, Batha und Sila) von der extremen Dürre betroffen gewesen, was zur Folge hatte, dass 75% der nomadisierenden Ethnien akut vom Hunger betroffen sind.

Wichtigstes Agrarprodukt für den Export ist die Baumwolle, die häufig in Mischkultur mit Hirse gepflanzt wird. Baumwolle wurde im südlichen und v.a. südwestlichen Tschad zunächst nur im Rahmen der Eigenversorgung angebaut, mit der Kolonisierung ab etwa 1920 zum Zwangsanbau als gewinnbringendes cash-crop ausgedehnt. Seit 1971 wird die Baumwolle von dem halbstaatlichen Unternehmen Cotontchad kontrolliert, das sowohl den Ankauf als auch den Export regelt. Zudem ist der Tschad weltweit der zweitgrößte Exporteur von Gummi Arabicum.

Wichtigste landwirtschaftliche Anbauprodukte sind in der Subsistenzwirtschaft Hirse und Sorghum (in feuchteren Gebieten), dazu kommt noch Mais. Zusammen mit den Hirsearten werden fast überall Okraschoten, Bohnen oder Erbsen angebaut. Die Getreideerträge sind für die Region durch die extreme Dürre 2009/10 sehr schlecht ausgefallen und die Preise stiegen seit April 2010 in vielen Regionen um 30-50%. Da laut FAO die Produktion 2012 nur etwa 30% des Bedarfs decken konnte, gehörte der Tschad auch im Jahr 2013 zu den Krisenländern. Der aktuelle Ausblick für 2014 gibt einen positiven Trend bei der Nahrungsmittelsicherheit an, was sich jedoch nur auf Gebiete außerhalb von Kanem, Wadi-Fira, Hajer Lamis und Barh-El Ghazel bezieht.

Reis wird am Chari und im Südwesten gepflanzt, Weizen im Tschadseegebiet. Allerdings werden auch diese Getreide nur in geringem Maße kommerziell und überregional vertrieben. Zuckerrohr und Erdnüsse, Maniok und Batate aus den feuchteren Gebieten im Süden und Zwiebeln und Knoblauch aus den östlichen Landesteilen kommen noch hinzu. Die selten vorkommende Süßwasseralge Dihe (Spirulina), die im Tschadseegebiet geerntet wird, soll in einem Pilotprojekt zu Verbesserung der Ernährung in dem Gebiet beitragen, da sie sehr eiweißhaltig und ernährungsphysiologisch wertvoll ist.

Vieh: Tschads Viehwirtschaft bildet eine weitere wichtige Ressource für die Versorgung des Landes.
Im zentralen und nördlichen Teil des Landes wird Viehzucht mit Rindern, Schweinen und Ziegen betrieben. Dafür wird insgesamt ein Drittel der Landesfläche als Weideland genutzt. Das Kuri-Rind ist eine am Tschadsee beheimatete Rasse und optimal an die ökologischen Gegebenheiten der Region angepasst.

In Sarh wurde eine kleine fleischverarbeitende Industrie aufgebaut, deren Produkte nach Gabun und in den Kongo exportiert werden. Zudem investiert die Regierung in den Bau neuer Schlachthäuser. Dennoch wird der größte Teil des Viehbestands als Lebendvieh v.a. nach Nigeria verkauft, wobei sehr viele Tiere illegal in die Nachbarstaaten verkauft werden.
Zwischen den Ackerbauern aus dem Süden und den Viehzüchtern aus dem Norden kommt es zunehmend zu bewaffneten Konflikten um die Wanderkorridore und Weide-  und Wasserplätze. Besonders 2009 und 2010 verendeten große Teile (vermutlich ein Drittel der Viehbestände des Landes) der Rinderherden, die für ihre Besitzer überlebenswichtig sind.

Fischerei: Etwa 240 000 Menschen leben im Tschad von der Fischerei. Der Fisch wird frisch, oder konserviert, also getrocknet oder geräuchert, verkauft. Der Großteil des Fischs kommt aus dem Tschadsee, dem Chari oder dem Logone.  Problematisch dabei sind vor allem die fehlenden Kühlmöglichkeiten und der klimabedingte Rückgang der Wasserflächen. Im Fischereisektor wurden in den letzten Jahren etwa 75.000 t Fisch erwirtschaftet, was einen deutlichen Rückgang im Vergleich zur letzten Dekade erkennen lässt.

Verarbeitende Industrie: Industrielle Entwicklung konzentriert sich im Tschad seit 2003 auf die Erschließung und Produktion von Erdöl. Ansonsten existieren nur wenige größere Schlüsselindustrien, wie etwa die schon genannte Cotontchad, das nationale Zuckerunternehmen SONASUT (Société Nationale Sucrière du Tchad), das tschadische Textilunternehmen STT (Société Tchadienne de Textile), die Logone Brauereien BdL (Brasseries du Logone) und die tschadische Zigarettenfabrik MTC (Manufacture des Cigarettes du Tchad ). Diese fünf Industriezweige machen etwa 20% des GDI aus. Von geringerer Bedeutung sind kleinere Gewerbebetriebe wie Reismühlen, Ziegeleien und Sägewerke, dagegen sind die lokalen Handwerksbetriebe bsp. der Töpfer, Schmiede oder Weber von großer Bedeutung für die ländliche Bevölkerung.

Erdöl: Am 10. Oktober 2003 ist der Tschad offiziell, aber auch unter internationaler Kritik, in den Klub erdölfördernder Länder eingestiegen. Eine 1070 km lange Pipeline erstreckt sich von den Erdölfeldern des Doba-Beckens im südlichen Tschad bis zum Verladehafen Kribi in Kamerun. Von dort wird das Rohöl dann weiterverschifft. Mit Kosten von etwa 3,7 Milliarden US$ stellt das Projekt zurzeit die größte Investition im subsaharischen Afrika dar und hat die Wirtschaftsstruktur des Tschad erheblich verändert.

Die Produktion im Erdölsektor, die sehr kapitalintensiv ist, ist hauptsächlich auf gut ausgebildetes, meist ausländisches Fachpersonal angewiesen.

Bodenschätze: Der Tschad verfügt neben dem Erdöl über zahlreiche wertvolle Bodenschätze wie Uran, Natron, Gold und Bauxit. Neben den schwer erschließbaren Uran- und Bauxitvorkommen im Norden des Tschad, prüfen südafrikanische Unternehmen zurzeit, ob im Südwesten des Landes, in Mayo-Kebbi, Uran und Gold in größerem Umfang gefördert werden kann. Chinesische Unternehmen haben das Gebiet für den Kalkabbau entdeckt und ein Zementwerk errichtet. Zur Betreibung des neuen Werks soll das Holz der umliegenden Wälder genutzt werden. Neue Regionen zur Ölförderung wurden von der Chinese National Petroleum Company (CNPC) in der Nähe von Sarh, Bongor und des Tschadsees untersucht. Eine weitere Pipeline in der Region Chari Baguirmi (Koudalwa) wurde Anfang März 2011 von Präsident Déby eröffnet. Die CNPC hatte Ende 2010 einen Industriepark mit einer weiterverarbeitenden Raffinerie in der Nähe von N'Djaména eingeweiht.

Wirtschaftslage

Verendetes Rind (Joerg Meyer)
Verendetes Rind (Joerg Meyer)

Der Tschad zählt trotz eines Pro-Kopf -Einkommens von statistisch etwa 1.500 US $ (zum Vergleich vor der Erdölförderung 2003: ca. 300 US $) zu den ärmsten Staaten der Erde und belegt nach dem Human Development Index von 2012 den Rang 184 der 187 untersuchten Länder. Ein Großteil der Bevölkerung (ca. 80 %) lebt in absoluter Armut, wobei ein großer Unterschied zwischen Stadt und Land festzustellen ist. Allerdings haben sich die statistischen Daten durch die seit 2003 stattfindende Erdölförderung bereits erheblich verändert. Die sozio-ökonomische Entwicklung des Landes wurde durch die isolierte Binnenlage und die Gliederung des Landes in "le tchad utile" (Süden) und "le tchad unutile" (Norden) während der französischen Kolonialzeit (Karte) entscheidend geprägt. Durch die Favorisierung des Südens und die klimatischen Faktoren besteht ein deutliches Nord-Süd-Gefälle der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Zudem beeinflussen bis heute der Jahrzehnte währende Bürgerkrieg, viele Dürreperioden, Korruption und die unzureichend ausgebaute Infrastruktur die Wirtschaftslage des Tschad.

Die Wachstumsraten lagen für den Tschad in den Jahren 1996-2005 bei durchschnittlich 7,8%.
Die OECD sieht in ihrem Bericht nach der Stagnation der Wirtschaft für das Jahr 2006 ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 0,3 % in den Folgejahren. Die durchschnittliche Inflationsrate lag 2008 bei 10,3 %, Ende 2009 bei 10,5 %. 2010 konnte die Inflation auf 6% abgesenkt werden und lag 2012 bei geschätzten 5%.
Die BEAC (Banque des Etats d'Afrique Centrale) gibt in ihrer Bilanz der Konjunktur des Tschad für das Jahr 2013 einen leichten Aufschwung ökonomischer Aktivitäten an. Nachdem in den Jahren 2010 und 2011 eine mäßige wirtschaftliche Erholung eingetreten war wird das Klima für Investitionen als gemischt und bei der Untersuchung der Weltbank wird für 2014 ein leichter Aufwärtstrend beschrieben.

Der Bertelsmann Transformationsindex bescheinigt dem Tschad in seinem letzten Bericht von 2014 eine positive Entwicklung auf einem guten Weg zu einer liberalen Demokratie.


Trotz einiger positiver Prognosen hat sich die wirtschaftliche Situation der meisten Menschen im Tschad nicht oder nur kaum verbessert und wird durch hohe Preissteigerungen nicht erst seit den ersten Monaten des Jahres 2008 weiter belastet. Dazu trägt auch die Nahrungsmittelkrise, durch die sich die Hirsepreise seit 2007 (von 125 FCFA auf 240 FCFA pro kg) nahezu verdoppelt haben, nicht unwesentlich bei.
Der Index 2014 der Heritage Foundation über die ökonomische Freiheit im Land bescheinigt dem Tschad eine weiterbestehend negative Entwicklung gegenüber dem Vorjahr und einen der hinteren Plätze auch im subsaharischen Vergleich. Allerdings werden dem Land Fortschritte in der Entwicklung eines dynamischen Klimas für Investments und Unternehmen bescheinigt.

INSEED (Institut National de la Statistique, des Etudes Economique et Demographiques), das Nationale Institut für Statistik des Tschad, gibt einige Informationen über nationale Entwicklungspläne, Prognosen und Statistiken zum Land.

Wirtschaftspolitik

Hirseernte (Joerg Meyer )
Hirseernte (Joerg Meyer )

Von der anhaltenden politischen Instabilität ist die Wirtschaftspolitik des Landes stark betroffen. Seit 1998 kooperiert der Tschad auf Druck der Weltbank und mit ihrer Hilfe im Rahmen wirtschaftspolitischer Reformprogramme, die auf Privatisierung, Liberalisierung und verschiedene Sektorprogramme abzielen. Aufgrund von Nichterfüllung durch die tschadische Seite werden diese jedoch immer wieder unterbrochen. Auch die anvisierten Privatisierungen gehen nur schleppend voran, wie im Falle von Cotontchad.

Frankreich kontrollierte nach der Unabhängigkeit noch jahrzehntelang die Exporte der Baumwolle aus dem Tschad und anderer Sahel-Länder durch sein Unternehmen CFDT (Compagnie Francaise pour le Développement des Fibres Textiles). Nach der Unabhängigkeit war Frankreich am staatlichen Baumwollunternehmen Cotontchad beteiligt, kümmerte sich um Absatzmärkte und fördert den Bau von Entkernungs- und Ölfabriken. Nach dem Sektorreformprogramm 1999 ist inzwischen ein langwieriger Prozess der Privatisierung von Cotontchad in Gang gekommen, der jedoch noch nicht abgeschlossen ist. Dabei spielen die  Auswirkungen der Privatisierungsreformen auf die Armutsentwicklung und weitere Sozialindikatoren eine große Bedeutung.

Hinsichtlich Investitionen im öffentlichen oder privaten Sektor ist der Tschad in aller Regel auf Entwicklungshilfemittel und Fremdkapital angewiesen.

Seit dem Jahr 2000 fließen jedoch in großem Stil ausländische Direktinvestitionen (FDI's) in den Tschad, was v.a. mit der Ausbeutung der Ölfelder im Süden des Landes zu tun hat. Das Erdölprojekt wurde von einem Konsortium der Mineralölkonzerne Esso, Chevron, Petronas und der Weltbank durchgeführt. Dabei hat sich die Regierung unter Idriss Déby gegenüber der Weltbank verpflichtet, 80 Prozent der Erdölexporteinnahmen in Investitionen in den Bereichen Bildung, Umwelt und Gesundheit einzusetzen. Fünf Prozent der Einnahmen waren direkt für das Doba-Becken bestimmt. Das von ihr eingesetzte Kontrollgremium veröffentlichte dazu regelmäßig Berichte. Pro Tag sollten bei voller Auslastung 250.000 Barrel Rohöl gefördert und damit die Staatseinnahmen des Tschad um jährlich bis zu 50 Prozent gesteigert werden. Um die richtige Verwendung der Gelder zu gewährleisten, hatte auch die Weltbank ein internationales Beratergremium, die International Advisory Group (IAG), eingerichtet. Im September 2009 legte dieses ihren Abschlussbericht vor.

Das Projekt hatte jedoch schon im Vorfeld seiner Umsetzung Kritik bei zahlreichen nationalen und internationalen Menschenrechts- und Umweltorganisationen hervorgerufen. Die deutsche Arbeitsgruppe Tschad verwies auf eklatante Sicherheitsmängel, Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen. Bewohner des Doba-Beckens beklagen zudem die negativen Folgen der Erdölförderung für ihre Gesundheit, den Zugang zu Bildungseinrichtungen und die Diskriminierung im Beschäftigungsbereich.

Anhaltende Meinungsverschiedenheiten und die Weigerung der tschadischen Regierung, sich an die Vereinbarungen bezüglich der Ausgaben der Erdöleinnahmen zu halten, haben im September 2008 schließlich zu einem Rückzug der Weltbank aus dem Projekt geführt. Zum 10. Jahrestag der Zustimmung der Weltbank zur Finanzierung des Projekts am 6. Juni 2010 attestierte die Arbeitsgruppe der Bank eine Mitverantwortung am Scheitern des Projekts. Auch die Studie des BICC (Bonn International Center for Conversion) kommt zu einer negativen Bilanz des Erdölprojekts.

Binnen- und Außenhandel

Der Außenhandel des Tschad ist seit Beginn der Förderung vom Ölsektor abhängig.
Im Jahr 2010 führte der Tschad Waren im Gesamtwert von 2,1 Mrd. Euro aus. Dies stellt eine leichte Erhöhung im Vergleich zum Jahr 2009 dar, liegt aber immer noch weit unter der Warenausfuhr von 2008, was sich durch den gesunkenen internationalen Ölpreis erklärt.
Dem Exportrückgang stand ein Importzuwachs von über 1 Milliarde Euro im Vergleich zum Vorjahr (von 2,196 Mrd. Euro 2009 auf 3,34 Mrd. Euro 2010) gegenüber. Importiert wurden vor allem Brennstoffe, Fahrzeuge, Getreide und Textilien. Der vermehrte Import von Rüstungsgütern und Gütern für den Wiederaufbau und für Investitionen v.a. in der Infrastruktur, erklären diesen enormen Zuwachs. China ist der größte ausländische Investor.


Die wichtigsten Exportgüter des Landes - abgesehen von Erdöl - bestehen aus Baumwolle, die 38% des Gesamtexportwerts ausmacht, Vieh, Fleisch und Gummi Arabicum. Hauptabnehmer dafür sind vor allem die USA, China, Portugal und Deutschland.  Als Abnehmer für Baumwolle gewinnt in den letzten Jahren auch China vermehrt an Bedeutung. Problematisch stellt sich die Abhängigkeit dar, die von den großen Preisschwankungen beim Export der Rohbaumwolle auf dem Weltmarkt ausgehen und die regionalen Absatzprobleme, die auf schlechte Infrastruktur und Organisation zurückzuführen ist. Dazu kommen die angesprochene schleppende Privatisierung im Baumwollsektor und die Folgen der Doha-Gespräche über Handelsliberalisierungen, in denen v.a. die Abkommen über Agrarzölle und -subventionen zu Divergenzen zwischen Ländern des Nordens und Ländern des Südens führen.

Entwicklung und Entwicklungspolitik

Verteilungsbesprechung von Hilfslieferungen (Joerg Meyer)
Verteilungsbesprechung von Hilfslieferungen (Joerg Meyer)
Oasenbrunnen bei Mao (Joerg Meyer)
Oasenbrunnen bei Mao (Joerg Meyer)

Armut und Armutsbekämpfung

Seit 1998 kooperierte der Tschad mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds im Rahmen von Armutsbekämpfung und Strukturanpassungsprogrammen. Seit Mai 2001 hatte er sich für die Aufnahme in den Kreis der HIPC-Länder (Heavily Indebted Poor Countries) qualifiziert. Dazu wurde 2003 vom Tschad ein Poverty Reduction Strategy Paper und 2007 ein Progress-Paper entwickelt. Die Zusammenarbeit kam 2008 aufgrund der Nichterfüllung der eingegangenen Verpflichtungen der tschadischen Seite zum Erliegen, sodass Tschad derzeit an keinem Schuldenerleichterungspro­gramm des IWF teilnimmt.    

Das aktuelle Poverty Reduction Strategy Paper für den Tschad wurde im Juni 2013 veröffentlicht.
Beim Internationalen Währungsfond können die Daten im Detail abgerufen werden.
Der letzte Bericht des Tschad zur Umsetzung der Millennium Development Goals wurde im Jahr 2005 erstellt, die letzten Daten des Tschad in Bezug auf die Indikatoren der MDG im Jahr 2010 und im Januar 2011 erhoben und aktuell noch ein Countdown-Papier bis 2015 präsentiert.

Die Armut, die am stärksten die ländliche Bevölkerung trifft, konnte in der letzten Dekade nur unzureichend bekämpft werden. Dafür verantwortlich sind sowohl die nur marginal ausgebaute Infrastruktur und das Gesundheitswesen, das keine Versorgung der Landbevölkerung gewährleisten kann, als auch naturräumliche Gegebenheiten, wie Desertifikation, Bodenerrosion, Dürren und Überschwemmungen, die sich 2012 zu einer Sahel-Krise ausweiten.


Auch der Zugang zu landwirtschaftlichem Know-how, Technologien und günstigen Krediten, die eine höhere Produktivität und damit eine bessere Versorgung begünstigen könnten, bleibt der ländlichen Bevölkerung zumeist verwehrt.
Dazu kommt v.a. im Osten des Tschad der Kampf um Ressourcen zwischen der Dorfbevölkerung und den Flüchtlingen aus dem Darfur.

Nationale Entwicklungsanstrengungen

Die zivilgesellschaftlichen Akteure, also Vereinigungen, Kooperativen, die Presse, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NRO) sind im Tschad im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern nur wenig entwickelt. Nach den langanhaltenden politischen Unruhen bilden sich seit Mitte der 1990er Jahre langsam zivilgesellschaftliche Strukturen heraus. Inzwischen sind etliche nationale und internationale NROs im Tschad registriert, die aber alle unterschiedlich aktiv sind. Erschwerend auf die Arbeit aller NRO wirkt sich die schlechte Infrastruktur des Landes aus, die sich sowohl in den mangelhaften Verkehrs- und Kommunikationswegen, als auch in den hohen Defiziten im Gesundheits- und Bildungssektor manifestiert.

Die einheimischen NRO beschränken sich daher zumeist auf die urbanen Zentren, die ländlichen Gebiete bleiben unterversorgt. Da der tschadische Staat seinen zentralen sozialen Aufgaben in vielen Bereichen nicht nachkommt und nur über eingeschränkte Kapazitäten verfügt, sind in den letzten Jahren viele Selbsthilfeinitiativen entstanden. Ihnen mangelt es allerdings an finanziellen und personellen Ressourcen und sie können ohne Unterstützung und Beratung häufig wenig Wirkkraft entfalten. Um diese zu stärken werden oftmals Partnerschaften mit ausländischen NRO's, wie im Beispiel der APLFT (Vereinigung zur Förderung von Grundfreiheiten im Tschad), die als Partnerorganisation mit Swissaid zusammengearbeitet hat, geschlossen.
Vor allem Menschenrechtsorganisationen wie die Association Tchadienne pour la Protection et la Défense des Droits de l'Homme (ATPDH) und Ligue tchadienne des droits de l'Homme (LTDH)  und tschadische Nichtregierungsorganisationen, die im sensiblen Bereich der Erdölförderung und deren Auswirkungen arbeiten, sind vielfachen Einschüchterungsversuchen und Bedrohungen ausgesetzt.
Einen großen Anteil an Unterstützungsarbeit leisten die regionalen kirchlichen Organisationen wie z.B. Belacd in Lai und Secadev. Das überregional in großen Teilen Afrikas aktive Bildungsinstitut Inades führt v.a. Fortbildungen im Bereich ländlicher Entwicklung durch. Inter-réseaux versteht sich als Organisation zur Förderung der ländlichen Entwicklung v.a. in der Subsahara-Region. Die Université Populaire ist eine Bildungseinrichtung, die schon 1994 gegründet wurde und auf vielen Ebenen Fortbildungen für die Zivilgesellschaft anbietet und den Demokratisierungsprozess voranbringen will.

Speicher der Moundang im Südtschad (Joerg Meyer)
Speicher der Moundang im Südtschad (Joerg Meyer)
Wochenmarkt in Massaguet, Nähe N'Djaména (Brigitte Salzberger)
Wochenmarkt in Massaguet, Nähe N'Djaména (Brigitte Salzberger)

Multilaterale und bilaterale Entwicklungsanstrengungen

Die internationalen Entwicklungsanstrengungen konzentrieren sich im Tschad vor allem auf Armutsminderungsprogramme, verantwortungsvolle Regierungsführung und die Versorgung der Flüchtlingsgebiete im Osten und Süden des Landes. Frankreich ist neben den USA, Deutschland, der Schweiz und den Niederländern der bedeutendste bilaterale Geber.
Wichtigste multilaterale Geber sind Europäische Union, Afrikanische und Islamische Entwicklungsbank, UNDP und die Weltbank. Die EU hat im November 2013 im Rahmen des 11. Europäischen Entwicklungsfonds eine Erhöhung der Entwicklungshilfe für den Zeitraum 2014-2020 zugesagt.
Ende 2005 kam es zu Spannungen zwischen der tschadischen Regierung und der Weltbank. Die tschadische Regierung hatte das Gesetz zur Finanzierung eines Zukunftfonds praktisch annuliert, der eine Vertragsbedingung  der Weltbank für die Finanzierung des Projekts war. Kurz darauf ist dieser Konflikt zugunsten des Regimes Déby entschieden worden. Die Weltbank ließ zu, dass sich die Transparenz bei der Verwendung der Erdöleinnahmen reduzierte und die Ausgaben für Entwicklungsmaßnahmen zugunsten militärischer Ausgaben vermindert worden sind.
Als Konsequenz hat sich die Weltbank im September 2008 aus dem Projekt zurückgezogen und ihr Büro im Tschad erst im Januar 2009 teilweise wieder eröffnet.

Ausgewählte Beispiele zu Organisationen und deren Engagement und Projekte im Tschad finden Sie in der folgenden Auflistung.

Deutsche Entwicklungs- und Hilfsorganisationen

Die bilateralen Entwicklungsleistungen, die nicht unerheblich sind, konzentrieren sich im Tschad auf Projekte der Armutsbekämpfung. Zwischen 2000 und 2011 gab es im Tschad 716 Projekte der deutschen Entwicklungshilfe. Schwerpunkte bildeten neben der Nothilfe Unterstützungsmaßnahmen in der dezentralen ländlichen Entwicklung (u.a. Wasserversorgung, Grundschulbildung),  Demokratieförderung, Gesundheitswesen und in der Steuerung natürlicher Ressourcen. Für die nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen wurde Ende 2008 zudem ein TZ-Abkommen mit der Tschadseekommission geschlossen. Außerdem engagiert sich Deutschland zusammen mit der CEMAC in einem regionalen Projekt zur Aidsbekämpfung.

2008 hat der Tschad seine Einstufung als Partnerland in der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit aufgrund der mangelnden Entwicklungsorientierung der Regierung verloren. Die bilaterale Zusammenarbeit ist 2011/12 ausgelaufen, die Not- und Übergangshilfeprogramme werden jedoch bestehen bleiben.

Von den im Tschad tätigen deutschen Institutionen unterscheidet man zwischen den personellen Entsendeorganisationen wie GIZ, Eirene, WFD, sowie Organisationen der technischen Zusammenarbeit, die auf staatlicher und Regierungsebene beratend tätig sind und Institutionen der finanziellen Zusammenarbeit. Darüber hinaus unterstützen weitere Nichtregierungsorganisationen wie bspw. Misereor oder Brot für die Welt die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit.

Folgende Links führen Sie zu landesspezifischen Aktivitäten einzelner deutscher Institutionen und Organisationen:

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Juni 2014 aktualisiert.

Über die Autorin

Brigitte Salzberger, Ethnologin (MA), geb. 1967 lebt und arbeitet in Rheinland-Pfalz.

Verschiedene Forschungsaufenthalte in Tschad, Ghana und Südostasien. Seit 2001 als freie Referentin in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit (Erwachsenenbildung, Kinder und Jugendliche) tätig.

Seit 2003 Landeskunde-Tutorin für den Tschad bei der Akademie für Internationale Zusammenarbeit (AIZ) der GIZ.

Über Anregungen und Kommentare freue ich mich.

Literaturhinweise

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