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Bild Chemieindustrie in Viskosa in Loznica

Wirtschaft und Entwicklung

Alle wichtigen Strukturdaten zu Wirtschaft und Entwicklung
BeschreibungInhalt
geschätztes BIP:38,43 Mrd. US-$ (2012)
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität):5.338 US-$ (2012)
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI):Rang 77 (von 187 - 2013)
Anteil Armut (unter 2 $ pro Tag):9,2% (2011)
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient):29,6
Anteil alphabetisierte Erwachsene:97,8 %

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Das LIPortal

Serbien

Historische Erblast

Serbiens Wirtschaft befindet sich auf dem Weg der Transformation und Modernisierung. Sie ist dabei noch immer geprägt von einer doppelten Erblast. Einerseits von dem sozialistischen Erbe, eine sozialistischen Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftspolitik, deren Transformation aufgrund der Balkankriege im Unterschied zu den mittelosteuropäischen Staaten erst mit 10-jähriger Verspätung nach 2000 eingesetzt hat. Zweitens durch einen weitgehenden Zusammenbruch der Wirtschaft im Kriegsjahrzehnt.

Die 1990er Jahre waren ökonomisch geprägt von internationaler Isolation, einem Embargo und der Finanzierung der Kriege in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo, was am Ende des Jahrzehnts zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Wirtschaft geführt hatte. Die Wirtschaftspolitik des Milošević-Regimes beschränkte sich weitgehend auf den Erhalt der politischen Kontrolle über die Wirtschaft, das Auffinden von Finanzquellen zur Kriegsfinanzierung und des Erhalt des sozialen Friedens bzw. der Verhinderung von sozialen Unruhen. Die ehemals in Jugoslawien in gesellschaftlichem Eigentum befindlichen Betriebe wurden verstaatlicht und die von der letzten gesamtjugoslawischen Regierung begonnene Privatisierung rückgängig gemacht. Außen- und Devisenhandel wurden staatlich reguliert und Preise und Löhne großteils administrativ festgelegt. Die staatlichen Unternehmen regredierten zunehmends zu sozialen Einrichtungen, die entweder mit Verlust produzierten oder deren Produktion ganz zusammenbrach. Mit sich abwechselnden Methoden wurde versucht, privates Kapital/ private Devisen abzuschöpfen – durch Einfrieren der Devisen-Girokonten der Bürger, Privatbanken, die nach dem Schneeball-System horende Zinsen vergaben, ein System paralleler Devisen-Wechselkurse und Wechselstuben. Vom Regime organisierte Schmuggelaktivitäten und Offshore-Gesellschaften ergänzten das Bemühen, Löcher im kollabierenden (Kriegs)Haushalt zu stopfen. Die Folge waren steigende Inflation und das Bedienen der Notenpresse, was Ende 1993 zur drittgrößten Hyperinflation in den Menschheitsgeschichte führte. Ende des Jahrzehnts war die serbische Wirtschaft weit hinter den Stand vor dem Zusammenbruch des sozialistischen Jugoslawien zurückgefallen. 80% des Bankensektors waren insolvent, das Vertrauen der Bürger in die eigene Währung und die Banken verschwunden. Zugleich hatte es seine regionalen und internationalen Märkte weitgehend verloren.

Das Wirtschaftssystem

Nach dem Regimewechsel im Oktober 2000 begann die Transformation und Modernisierung der serbischen Wirtschaft und Wirtschaftspolitik mit Unterstützung von EU, IWF und anderen internationalen Institutionen. Die Wirtschaftsgesetzgebung wurde modernisiert, Außenhandel und Geld- und Devisenmarkt liberalisiert. Administrative Preise und Löhne wurden aufgehoben. Der Großteil der Banken wurde in die Insolvenz geschickt und das Bankensystem für ausländische Banken geöffnet. Die Privatisierung der Staatsbetriebe wurde eingeleitet. Der serbische Markt wurde für Auslandsinvestoren geöffnet. Die Mitgliedschaft in internationalen und regionalen Handels- und Wirtschaftsorganisationen wurde erneuert bzw. erworben.

Heute ist Serbien eine liberale Marktwirtschaft, die damit kämpft, sich seiner historischen Altlasten – politische Einflussnahme in die Wirtschaft, wirtschaftliche Regression und Modernisierungsblockade – zu entledigen. Die serbische Wirtschaft hat sich aus ihrer internationalen Isolation befreit und verloren gegangenen Märkte teils wieder erobert. Serbien ist Mitglied von Weltbank und IWF, das Aufnahmeverfahren bei der WTO läuft. Zugleich ist das Land Mitglied in allen wichtigen regionale Wirtschaftsvereinigungen: dem Stabilitätspakt für Südosteuropa, CEFTA, SEECP, SECI, ICAO.

Wichtigste Wirtschaftssektoren

Nach Wirtschaftssektoren aufgeteilt steht der Dienstleistungssektor an erster Stelle, er erwirtschaftete 2011 64,3% des BIP; es folgt die Industrie mit 26,6% und die Landwirtschaft mit 9,0%.

Industrie: Die serbische Industrie befindet sich noch weitgehend in einem Modernisierungsrückstand. Technologien sind veraltet, Produkte daher meist international nicht konkurrenzfähig. Ein großer Anteil an Industriebetrieben ist weiterhin nicht privatisiert und schreibt Verluste. Die Industrie leidet an der veralteten Infrastruktur, von Transportwesen und Energiesektor. Die auf die sozialistische Epoche zurückgehende Subventionierung billiger Energie macht die Industrieproduktion energieintensiv. Der Schwerpunkt der Industrieproduktion liegt heute weiter auf der Schwerindustrie und der Lebensmittelverarbeitung. Die Autoindustrie hofft nach dem erfolgreichen Verkauf des ehemals größten jugoslawischen Autoherstellers, Zastava Kragujevac an Fiat auf steigende Produktionszahlen.

Landwirtschaft: Die Landwirtschaft bleibt ein wichtiger Sektor. 44% der  Bevölkerung leben in ruralen Gebieten, 55% der Fläche Serbiens sind landwirtschaftlich nutzbar, der lebensmittelverarbeitende Sektor bleibt ein wichtiger Industriezweig. Die landwirtschaftlich geprägte Vojvodina galt zu sozialistischen Zeiten als „Kornkammer Jugoslawiens“. Trotzdem hat die Produktivität der serbischen Landwirtschaft nicht mit der Wirtschaftsentwicklung Schritt gehalten, ihr Anteil am BIP wurde seit 2000, als er bei 20% lag, faktisch halbiert. Schuld ist vor allem eine unstetige Landwirtschaftspolitik. Sie beruht auf einem veralteten, noch auf die sozialistische Zeit zurückgehenden ineffizienten System von Agrarsubventionen. Dieser stellt erstens zu wenig Geldmittel zur Verfügung und führt durch eine territoriale Förderung zweitens zu Marktverzerrungen, welche in den letzten Jahren u.a. für den Niedergang der Milchproduktion verantwortlich war.

Dienstleistungssektor: Der Dienstleistungssektor ist der am stärksten wachsende Sektor, er zeichnete für den Großteil des Wirtschaftswachstums im zurückliegenden Jahrzehnt verantwortlich. Das größte Dienstleistungszentrum ist die Finanzmetropole und Hauptstadt Belgrad, wo die meisten Unternehmen aus dem tertiären Sektor ihren Sitz haben. Andere großen Städte wie Novi Sad und Niš sind ebenfalls wichtige Dienstleistungsstandorte.  Die wichtigsten Teile des Dienstleistungssektors in Serbien stellen die Banken dar, die Versicherungswirtschaft sowie Handel und Verkehr.

Produkte

Wichtigste Produkte der serbischen Wirtschaft stellen in der Schwerindustrie Eisen und Stahl dar. Die Nahrungsmittelindustrie vertreibt vor allem Obst und Gemüse und Getreide, sowie Zucker. Textilprodukte und Möbel sind weitere wichtige Industrieprodukte. Weiter wichtige Produkt sind in der Chemieindustrie v.a.die Gummi- und Kunststoffproduktion. Die Pharmaindustrie ist ein weiterer Wachstumssektor, sie produziert Generika mit hohen technischen Standards, führendes Unternehmen ist der serbische Traditionskonzern Galenika

Eine wachsende Rolle spielt der Tourismus mit aktuell 2,0 Mio Gästen und 6,6 Mio. Übernachtungen jährlich. Touristische Anziehungspunkte sind die zahlreichen Nationalparks und Gebirge Kopaonik und Zlatibor sowie andere Naturlandschaften. Zahllose historische Kulturdenkmäler bieten einen Markt für Kulturtourismus. Der Städtetourismus nach Belgrad und Novi Sad, insbesondere von jungen Leuten aus Region verzeichnet einen deutlichen Anstieg in den letzten Jahren.

Wirtschaftsindikatoren

Nach Zahlen hatte Serbiens Wirtschaft im zurückliegenden Jahrzehnt – vor der Weltwirtschaftskrise des Jahres 2009 – einen Konsolidierungskurs eingeschlagen. So wuchs die Wirtschaft zwischen 1999 und 2009 im Schnitt um 5%, das Exportvolumen wuchs im gleichen Zeitraum durchschnittlich um 10,3%. Ausländische Direktinvestitionen erreichten vor der Krise ein jährliches Gesamtvolumenvon rund 2 Mrd. Euro. Das Haushaltdefizit lag 2010, nach der Krise, bei 4,7% des Bruttoinlandsprodukts und näherte sich damit wieder den Vorgaben innerhalb der EU an. Anfang 2012 lief das Haushaltsdefizit allerding wieder aus dem Ruder, es erreichte im ersten Quartal des Jahres beunruhigende 6,0% des BIP. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt 2009 auf -3,1 Prozent eingebrochen war hat es sich in den Folgejahren nur langsam erholt. Erst 2013 verzeichnete es wieder ein deutliches Wachstum von 3,0 Prozent. Zugleich bleibt Serbien noch immer eines der ärmsten Länder Europas mit einem Nettodurchschnittseinkommen von 330 EUR.

Wirtschaftspolitik

Serbiens Wirtschaftspolitik ist, insbesondere seit der Amtszeit der der von 2008 bis 2012 regierenden, pro-europäischen Regierungskoalition geprägt von einem wirtschaftsliberalen Kurs und der Weichenstellungen für die entsprechende Transformation und Modernisierung der Wirtschaftspolitik und ihre Institutionen und Instrumente. So wurde ein modernes, transparentes Haushaltsführungssystem eingeführt. Die Stärkung und funktionelle Reform der Steuerbehörden wurde eingeleitet. Das Steuersystem wurde reformiert und eine Umsatzsteuer eingeführt. Eine Reform des Beamtensystems wurde durchgeführt, die Anzahl der Beschäftigten in der öffentlichen Verwaltung wurde reduziert und das Bezahlungssystem rationalisiert. Die Reform der nicht nachhaltigen Sozialsysteme, von Rentensystem und Sozialhilfen wurde eingeleitet.

Im Rahmen des EU-Integrationsprozesses hat die serbische Regierung in den zurückliegenden Jahren eine Vielzahl an Gesetzen an EU-Standards angepasst.

Außenhandel, Handelsbilanz

Trotz steigender Exporte leidet Serbien aufgrund der strukturellen Schwäche seiner Industrie an einem chronischen Außenhandelsdefizit. So standen 2011 Importe im Wert von 19,9 Mrd. USD Exporten im Wert von 11,8 Mrd. USD gegenüber, ein Defizit von 8,0 Mrd. USD. 2011 war die Export-Import Deckungsrate 58,5%. Wichtigste Handelspartner sind die Länder der EU, an die Serbien 60% seiner Export liefert, sowie die Mitgliedsstaaten der regionalen Handelsvereinigung CEFTA mit 30%, gefolgt von Russland. Hauptexportländer waren 2010  Italien (843,9 Mio. Euro), Bosnien-Herzegowina (822,1 Mio. Euro) sowie Deutschland (760,2 Mio. Euro), Hauptimportländer waren die Russische Föderation (1,63 Mrd. Euro), Deutschland (1,33 Mrd. Euro) und Italien (1,08 Mrd. Euro). Deutschland hat 2003 einen Wirtschaftskooperationsrat mit Serbien begründet, der als Plattform für den Dialog zwischen Regierungen u. Unternehmen dient. Er konzentriert sich auf die Kernbereiche Banken/Finanzen, Energie, Logistik, Wasserversorgung, Landwirtschaft und Tourismus. Hauptexportprodukte sind Eisen, Stahl und Buntmetalle, Weizen, Obst und Gemüse und Textilprodukte; Hauptimportprodukte sind Öl und Gas, Buntmetalle, Eisen und Stahl, Elektrogeräte und Fahrzeuge.

Auswirkung der Weltwirtschaftskrise

Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die Serbien Ende 2008 erreichten, waren merklich, konnten aber durch wirtschaftspolitische Maßnahmen und internationale Stützungsmaßnahmen begrenzt gehalten werden. 2009 verlor das Bruttoinlandsprodukt um 3%, der Export brach um 12% ein, die Inflation stieg um 8,1%. Ende 2008-Anfang 2009 erlitt der Dinar einen Wertverlust von 20%, zur gleichen Zeit zogen Privathaushalte 18% ihrer Einlagen aus Banken ab. Der serbische Regierung und der Nationalbank gelang es mit Unterstützung von IWF, EU und intl. Finanzinstitutionen die Stabilität und Kapitalisierung des Bankensystem zu sichern. Durch Haushaltsmaßnahmen wie Ausgabenkürzungen und das Einfrieren der Nominallöhne im öffentlichen Sektor und der Renten gelang es, das Einbrechen der Einnahmeseite weitgehend abzufangen. Ab 2010 verzeichnete Serbien wieder eine wirtschaftliche Erholung, die Industrieproduktion wuchs erstmals wieder und das Bruttoinlandprodukt verzeichnete ein Wachstum von 1%.

Infolge nachlassender Haushaltdisziplin, politischer Konflikte mit der EU um das Kosovo und das Voranschreiten im EU-Integrationsprozess sowie neuer Instabilität im Euroraum kam es ab Ende 2011 zu einer erneuten Umkehr in der wirtschaftlichen Entwicklung: die Industrieproduktion fing wieder an zu fallen und erreichte Mitte 2012 -4,0 Prozent. internationale Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit Serbiens herabgestuft und ausländische Investoren begonnen, in größerem Umfang Kapital aus dem Land abzuziehen.

Strukturprobleme

Trotz erheblicher Reformanstrengungen und dem grundsätzlichen Umbau einer verstaatlichten, reglementierten und von starken Einbrüchen geprägten zu einer modernen Marktwirtschaft sieht sich Serbien auch nach einem Jahrzehnt grundlegenden Strukturproblemen gegenüber, welche die wirtschaftliche und Haushaltsstabilität bedrohen.

So ist der öffentliche Sektor in Serbien noch immer zu groß. Mehrere hundert Unternehmen sind nicht privatisiert oder in der sog. Restrukturierung gefangen. Diese beschäftigen ca. 100.000 Arbeiter, von denen die meisten nicht befähigt sind, für den Markt zu produzieren. Zugleich bleibt so die Beschäftigungsquote im öffentlichen Sektor mit 40 Prozent außerordentlich hoch. Mit einem 30 Prozent höheren durchschnittlichen Lohnniveau im öffentlichen Sektor als in der Privatwirtschaft entstehen starke verzerrende Effekte. Dass eine Großteil dieser öffentlichen Unternehmen kontinuierlich Verluste, welche durch staatliche Subventionen ausgeglichen werden müssen, bedeutet eine enorme Belastung für den Staatshaushalt.

Ein struktureller Problem für staatliche Unternehmen wie Privatwirtschaft stellt der schlechte Zustand der Infrastruktur dar. Das Transportnetz ist veraltet, insbesondere das Schienennetz und das Straßennetz wurden seit 20 Jahren praktisch nicht modernisiert, Investitionsprojekte in Sanierung und Ausbau befinden sich im Anfang. Der Energiesektor bedarf dringend der Reform. Die traditionell niedrig gehaltenen Energiepreise für die Wirtschaft, aber auch die Privathaushalte drücken diese unter das Profitniveau, zugleich ist die Industrie auf energieintensive Produktionsformen ausgelegt und nicht auf Energieeffizienz. Daneben fehlen Reformen in die Zukunftssektoren Forschung und Bildung.

Zugleich sind die institutionellen und bürokratischen Bedingungen für privatwirtschaftliche Aktivität noch immer nachteilig. So ist Serbien, nachdem es 2012 im Doing Business Index des IWF vom 95. auf den 86. Platz aufgestiegen war, 2013 wieder zurückgefallen auf den 93. Platz. Hauptprobleme bestehen weiterhin in hohen bürokratischen Hürden und Genehmigungsverfahren sowie im mangelndem Wettbewerbsschutz. Ein weiteres zentrales Problem stellt das schwache Rechtssystem und die systemische Korruption dar. Ein weiteres zentrales Problem stellt das schwache Rechtssystem und die systemische Korruption dar. Im aktuellen Ranking von Transparency International belegt Serbien den 72. Platz.

Die weiterhin ineffizienten Steuerbehörden begünstigen einen hohen Grad an Steuerflucht. Alle Faktoren zusammen begünstigen einen ungebrochen großen Anteil der Schattenwirtschaft am Gesamtwirtschaftsaufkommen in Serbien. Aktuellen Schätzungen zufolge werden 30 Prozent des serbischen Bruttoinlandsprodukts von der Schattenwirtschaft erwirtschaftet – mit all den begleitenden negativen Belastungen für die öffentlichen Haushalte und die Sozialsysteme.

Ein weiteres ungelöstes Strukturproblem liegt in der hohen Arbeitslosigkeit und der ungünstigen Beschäftigungsstruktur. Im Anfang 2012 lag die Arbeitslosenquote offiziell bei 25,5%, ein drastischer Anstieg gegenüber 2008, also vor der Wirtschaftskrise, als die Quote noch bei 14% lag. Inoffiziell ist die Arbeitslosenquote viel höher aufgrund der versteckten Arbeitslosigkeit. Ein besonderes Problem stellt die Jugendarbeitslosigkeit mit über 50 % dar. 2011 gab es in Serbien 1.732.000 Beschäftigte – davon waren allerdings 130.000 ohne Bezahlung und 400.000 Beschäftigte erhielten nur den garantierte Mindestlohn von 16.000 Dinar (rund 150 Euro). Dieser Beschäftigtenzahl standen im gleichen Jahr 753.000 Arbeitslose sowie 1,69 Mio. Rentner gegenüber. Ein damit verbundenes dringliches Problem stellt die Reform der veralteten und finanziell nicht nachhaltigen Sozialsysteme dar. Das gilt einerseits für das Gesundheitssystem, andererseits v.a. aber für das Rentensystem. Das serbische Rentensystem produziert die höchsten Verluste in der Region und einen der höchsten in ganz Europa, 2010 bezifferte sich dieser Verlust auf 7,5% des BIP. Erste Reformschritte wie die Anhebung des Renteneintrittsalters wurden unternommen. Angesichts der Überalterung der serbischen Gesellschaft wird aber eine dauerhafte Stabilisierung des Rentensystems nur über eine Wirtschaftspolitik gelingen, welche zu einer deutlichen Produktivitätssteigerung der Wirtschaft Serbiens beiträgt.

Politisches Ringen um grundlegende wirtschaftspolitische Reformen

Am Ende des Wahljahres 2012 mit seinen diversen, traditionellen Steuergeschenken sah sich die neu ins Amt gekommene Regierung mit einer veritablen Haushaltskrise konfrontiert. Das Haushaltsdefizit erreichte knapp 8 Prozent, die öffentliche Verschuldung 62 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In dieser Situation des drohenden Staatsbankrotts bot der Internationale Währungsfonds Hilfen in Form eines neuen Standby Arrangements an. Die serbische Regierung verweigerte sich jedoch diesem Hilfsangebot, weil es an die Bedingung diverser, lange geforderter Strukturreformen geknüpft war. Stattdessen nutze die Belgrad aktuell günstige Bedingungen auf dem internationalen Geldmarkt und entschied sich für die Schließung der entstandenen Haushaltslücken durch kommerzielle Kredite, und schlug die Warnung u.a. des eigenen staatlichen Steuerrates in den Wind, dass ohne strikte Haushaltskonsolidierung und das Angreifen struktureller Reformen die Haushaltentlastung von kurzer Dauer sein werde. Bereits im April zeigte sich, dass der Haushalt für 2013 nicht realisierbar ist. Erstmals wurden von der Regierung die Warnungen ihres Steuerrats ernst genommen, der errechnete, dass anstatt des geplanten Haushaltsdefizits von 3,6% ohne zusätzliche Maßnahmen ein Defizit von 8% des BIP drohe. Steuerrat , einheimische Ökonomen wie Weltbank und IWF empfahlen dringende Kürzungen bei Löhnen, Renten und Subventionen wie Strukturreformen, wie die Rückkehr zu Verhandlungen über ein Standby Arrangement mit dem IWF.

Im Laufe der Reformdiskussion traten Gegensätze innerhalb der Regierung zutage. Widerstände gegen drastische soziale Einschnitte waren insbesondere von Vertretern der Interessengruppen, wie der an der Regierung beteiligten kleinen Rentnerpartei zu hören, aber auch von Seiten der Sozialistischen Partei SPS. Mit der Wahl des jungen Ökonomen Lazar Krstić zum neuen Finanzminister und des Ökonomen Saša Radulović zum neuen Wirtschaftsminister im Rahmen der Regierungsumbildung Anfang September schien sich der Reformflügel der Regierung in der Wirtschaftspolitik durchzusetzen. Ein Monat später hat Krstic ein restriktives wirtschaftspolitisches Maßnahmenpaket vorgestellt. Es beinhaltet die Ausgabenkürzungen im Haushalt, insbesondere die Kürzung von Subventionen, drastische Einschnitte bei den Löhnen im öffentlichen Sektor, Mehrwertsteuererhöhungen sowie die Umstrukturierung öffentlicher Unternehmen. Viele Beobachter blieben jedoch skeptisch, ob die Regierung in Belgrad die politische Kraft aufbringt, um eine nachhaltige Wende in der Wirtschaftspolitik Serbiens einzuleiten. Zahlreiche Ökonomen kritisierten das Maßnahmenpaket als unzureichend.

Diese Skeptiker wurden Ende Januar 2014 durch den Rücktritt von Wirtschaftsminister Radulović, nur wenige Tage vor der Ankündigung von vorgezogenen Neuwahlen, bestätigt. Radulović hatte ein Reformpaket von vier grundlegende Gesetze vorbereitet - ein neues Arbeitsgesetz, ein Privatisierungsgesetz, ein Insolvenzgesetz und ein Planungs- und Baugesetz - die auf den Widerstand der Gewerkschaften gestoßen waren. Nachdem Premierminister Dačić in einem Gespräch mit Gewerkschaftsvertretern angekündigt hatte, den von der Regierung bereits gebilligten Entwurf des Arbeitsgesetzes nochmal überprüfen zu lassen, trat Radulović aus Protest von seinem Posten zurück. Er begründete, die Regierung habe nicht die Kraft grundlegende Reformen gegen gesellschaftlichen Widerstand durchzuführen. Radulović kündigte zugleich die Gründung einer eigenen, wirtschaftsliberalen Partei und die Teilnahme an vorgezogenen Parlmentswahlen im März an. Bei den Wahlen am 16. März verfehlte seine neu gegründete Partei mit unter 2 Prozent der Stimmen allerdings deutlich den Einzug ins Parlament.

Gestärkt durch ein historisches Wahlergebnis brachte der neue Premier Vučić Ende July das leicht modifizierte Arbeitsgesetz gegen den Widerstand der Gewerkschaften durch das Parlament. Kurz zuvor trat Finanzminister Krstić von seinem Amt zurück. Zur Begründung erklärte er, dass seine von drastischen Einschnitten zur Lösung der Haushaltskrise - Kürzung von Renten, Gehaltseinschnitte und umfangreiche Personalreduzierungen im öffentlichen Sektor sowie massive Erhöhung der Strompreise - keine Unterstützung des Premiers gefunden habe. Von Teilen der Presse und politischen Kommentatore wurde Krstić's Rücktritt allerdings als politisches Manöver zur leichteren Durchsetzung drastischer Reformschritte interpretiert.

Das Jahrhunderthochwasser vom Mai 2014

Serbiens schwierige ökonomische Lage wird durch das Jahrhundertwasser vom Mai 2014 zusätzlich negativ beeinträchtigt. Zwar liegen bisher keine genauen Zahlen über den gesamtwirtschaftlichen Schaden vor. Eine vorsichtige Schadenseinschätzung der Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) kommt auf eine vorläufige Summe von 1,5 bis 2 Milliarden Euro. Allein der Schaden in der Landwirtschaft könnte sich durch die Überflutung von Anbauflächen in den betroffenen Regionen auf mehrere Hundert Millionen Euro belaufen. Hinzu kommen die ökonomischen Auswirkungen der Beschädigung von 3.500 km Straßen und von 30 Prozent der Bahnstrecken in Serbien. Der Schaden für die Steinkohleproduktion in Kolubara und die damit zusammenhängende Reduzierung der Stromproduktion dürfte ebenfalls erheblich ausfallen. Insgesamt dürfte sich Serbiens Wirtschaftswachstum in 2014, das vorher bereits auf bescheidene 1,0 Prozent geschätzt wurde weiter verringern. Zugleich dürften sich die Sanierungsmaßnahmen negativ auf die dringend notwendige Sparpolitik, die angedachten Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung auswirken.

Entwicklungspolitik

Entwicklungsziele, nationale Entwicklungsanstrengungen

Die Entwicklungsziele der nationalen und internationalen Akteure in Serbien orientieren sich weitgehend an den UN Millenniumszielen, und darüber hinausgehend im Rahmen des EU-Integrationsprozesses am Entwicklungsstand in der Europäischen Union.

Die nationalen Entwicklungsanstrengungen der einzelnen staatlichen Ministerien sind seit vergangenem Jahr auch institutionell gebündelt in der Ausrichtung auf die angestrebte EU-Mitgliedschaft. So wurde im September 2010 die Development Assistance Coordination Unit (DACU) aus der Zuständigkeit des  Finanzministerium in die des SEIO, des Serbian European Integration Office verlegt, das die im Rahmen der EU-Integration erforderlichen Reformen koordiniert. Die DACU führt den entwicklungspolitische Dialog mit internationalen Partnern und entwickelt den nationalen Entwicklungsplan NAD – Needs of the Republic of Serbia for International Assistance; seine aktuelle Fassung ist vom Februar 2011. Diese definiert die sektorale Prioritäten der Entwicklungspolitik in den kommenden Jahren in den Bereichen Rechtsstaat, Reform der öffentlichen Verwaltungen, Zivilgesellschaft, Wettbewerbsfähigkeit, human resources development, Landwirtschaft und ländlicher Raum, Transportwesen, Energiesektor und Umweltschutz. Im Bereich Human resources development, der sich eng an den UN-Millenniumszielen orientiert, bildet die Beseitigung der Armut eine zentrale Priorität. Serbien hat bereits 2002 eine Poverty reduction strategy vorgelegt. Die serbischen Behörden hatten in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts beträchtliche Fortschritte bei der Armutsbekämpfung erzielt, zwischen 2006 und 2008 wurden 200.000 Menschen aus der Armut geholt. Die anschließende Wirtschaftskrise hat jedoch diese Erfolge zunichte gemacht, Ende 2010 lag die Armutsrate bei 9,2%, höher als vor Krise (2007: 8,3%). Armut in Serbien ist v.a. ein rurales Phänomen und betrifft außerdem sozial benachteiligte Gruppe überproportional, unter anderem Roma. Zugleich ist das bisher gültige System der Sozialhilfe nicht angepasst an die Bedürfnisse der Bedürftigsten, es kommt bisher nur ein kleinerer Teil der Transferzahlungen bei Ihnen an. Mit Unterstützung der Weltbank hat die serbische Regierung in den letzten Jahren erste Schritte zu einer Reform des Sozialhilfesystems unternommen.

Ausländische Entwicklungsanstrengungen

Ausländische Entwicklungsanstrengungen werden durch internationale und nationale Organisationen unternommen. Die herausragende Rolle spielen die EU und weitere europäische Institutionen wie die ERBD und die EIB. Vor Ort präsent sind außerdem die Weltbank, der IWF, UNDP sowie die OSZE.

Die wichtigsten nationale Geldgeber mit Entwicklungshilfeorganisationen vor Ort sind neben Deutschland die USA (USAID, NDI), Norwegen, Schweden (SIDA), Italien, Österreich, Schweiz (DEZA), Spanien und Japan. In den letzten Jahren gibt es eine deutliche Abnahme bilateraler Förderung zugunsten der EU-Förderung, so hat Großbritannien 2011 sein Entwicklungshilfebüro in Serbien geschlossen. EU-Hilfen erfolgen im EU-Integrationsprozess über den Pre-Accession-Fund IPA, über den Serbien jährlich im Schnitt 200 Mio. Euro erhält.  Bisher mangelt es an einer strategische Nutzung der zur Verfügung gestellten Mittel.

Deutsche Entwicklungszusammenarbeit

Deutschland ist mit rund 1,5 Mrd. Euro an Hilfszusagen seit dem demokratischen Regimewechsel im Jahr 2000 der zweitgrößte Geldgeber neben den USA; davon sind fast 1 Mrd. Euro bilateral geflossen, der Rest über die EU.

Schwerpunkt: Der Schwerpunkt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit lag in den letzten Jahren auf Wirtschaftsförderung, der Verbesserung wirtschaftliche Rahmenbedingungen – von Good Governance, ökologischer Modernisierung des Energiesektors (ökologische Modernisierung und Steigerung der Energieeffizienz, Fernwärmeprojekte - KfW) und des Wassersektors (Modernisierung von Trinkwasser- und Abwassersystemen), auf der Stärkung der Kommunalverwaltung bzw. von lokale Selbstverwaltung (Förderung fiskale Dezentralisierung, kommunale Wirtschaftsförderung, Landmanagement) schließlich auf Tourismusförderung. Daneben wurden Maßnahmen im Jugendbereich gefördert. All diese Maßnahmen liefern einen Beitrag zur EU-Integration des Landes und stehen in diesem Entwicklungsrahmen.

Organisationen der EZ in Serbien: Die in der Entwicklungszusammenarbeit tätigen deutschen Organisationen, die  vor Ort mit Büros arbeiten sind die GIZ und die KfW. Außerdem sind alle deutschen politischen Stiftungen mit Büros in Serbien vertreten, die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Heinrich-Böll-Stiftung, die Hans-Seidel-Stiftung und die Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Landes- bzw. Regionalbüros, sowie die Friedrich-Naumann-Stiftung mit einem Projektbüro.

Über die Autorin

Dr. Azra Dzajic-Weber

studierte und promovierte in Germanistik und Slawistik an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie war an verschiedenen Universitäten in der Lehre tätig. Danach war sie viele Jahre in der Entwicklungsarbeit zu Südosteuropa, Osteuropa und dem Kaukasus für die Heinrich-Böll-Stiftung tätig. Unter anderem war sie als Leiterin der Regionalbüros Südosteuropa für die Stiftung in Sarajevo. Zur Zeit arbeitet sie als Trainerin für Interkulturelles, Diversitymanagement und Landeskunde sowie als Beraterin für Projektentwicklung. Bei der GIZ ist sie als Trainerin für Landeskunde tätig. Sie lebt in Berlin.

Über Kommentare und Anregungen freue ich mich.

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im August 2014 aktualisiert.

Literaturhinweise

Literatur zu Serbiens

Wirtschaft

Entwicklungszusammenarbeit

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