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Folkloretänzer „Intore“, Foto: ORTPN

Gesellschaft

Alle wichtigen Strukturdaten zu Gesellschaft und Kultur
BeschreibungInhalt
Amtssprachen:Kinyarwanda, Englisch
Regionalsprachen:Keine
bedeutendste Religion:Christentum (überwiegend röm.kath.) ca. 90 %
weitere bedeutende Religion:Islam 5 %
Städtische Bevölkerung:ca. 17 %
Lebenserwartung:55,4 Jahre

Inhalte dieser Seite

Das LIPortal

Ruanda

Soziale Struktur

Ethnizität

Das Land wird von drei ethnischen Gruppen bewohnt. Den Bahutu, die Schätzungszahlen nach 80-90 % der Bevölkerung ausmachen, den Batutsi (ca. 10-20 %) und den Batwa mit circa 1%. Die Bezeichnung "Ethnie" ist für die ruandischen Bevölkerungsgruppen wissenschaftlich nicht korrekt. Bei "Hutu" oder "Tutsi" handelt es sich auch nicht um verschiedene Stämme, wie es in zahlreicher Literatur zu lesen ist. Sie sprechen die gleiche Bantusprache, "Kinyarwanda", bilden eine gemeinsame Sozialstruktur und teilen religiöse Überzeugungen. Sie haben die gleiche Kultur und eine gemeinsame Geschichte. Ein bestimmtes Territorium wird auch keiner der drei Gruppen zugeordnet. Alle wohnen auf den Hügeln Grundstück an Grundstück, Tür an Tür, Eheschließungen zwischen Hutu- und Tutsifamilien sind auch keine Seltenheit. Tatsächlich ist jedoch im Laufe der Geschichte ein "ethnisches" Bewusstsein und eine Identifikation mit einer der Gruppen entstanden.

Sprache

Muttersprache nahezu aller Ruander ist die Bantusprache Kinyarwanda. Die weit überwiegende Mehrheit der Einwohner beherrscht ausschließlich diese Sprache. Weitere offizielle Amtssprachen waren seit der belgischen Kolonialzeit Französisch und seit 1994 zunehmend Englisch. Französisch und Englisch wurden im Jahr 1994 gleich gestellt. Im Oktober 2008 hat, durch einen Regierungsbeschluss, Englisch die Oberhand als Amtssprache gewonnen und Französisch aus allen offiziellen Sprachbereichen verdrängt. Seitdem wird in staatlichen Schulen und Hochschulen nur noch Englisch als erste Fremdsprache gelehrt.

Die ruandische Regierung begründet die Umstellung der offiziellen Landessprache von Französisch auf Englisch mit wirtschaftlichen Vorteilen. Die Integration des Landes in eine globalisierten Weltwirtschaft wird dadurch erleichtert. Insbesondere wird die Sprachumstellung als logische Folge des Beitritts Ruandas Mitte 2007 zur Ostafrikanischen Staatengemeinschaft (EAC), deren ursprüngliche Mitglieder Uganda, Tansania und Kenia englischsprachig sind, angesehen. Ruanda, sowie das zweite Beitrittsland Burundi, hoffen als kleine, dichtbesiedelte Binnenstaaten, von einer EAC-Zollunion - einer geplanten politischen Föderation einschließlich eines gemeinsamen Marktes für die Region, mit einer Bevölkerung von ca. 120 Millionen Menschen -  zu profitieren.

Die praktische Umsetzung dieses Vorhabens bleibt jedoch mit Schwierigkeiten verbunden da die meisten Lehrkräfte traditionell frankophonsind. Ferner wurde in diesem Zusammenhang eine potenzielle Gefährdung des sozialen Friedens hervorgerufen: Viele - mehrheitlich in Ruanda ausgebildete - frankophone Ruander sehen sich gegenüber einer kleinen, im englischsprachigen ugandischen Exil aufgewachsenen Elite benachteiligt sowohl auf dem zunehmend englisch-dominierten privaten Arbeitsmarkt als auch im Wettbewerb um entscheidungsrelevante Posten im Staatsdienst.

Die Zurücksetzung der französischen Sprache wird auch als Konsequenz von eher schwierigen Beziehungen zwischen Frankreich und Ruanda nach 1994 angesehen, welche von der Rolle Frankreichs als Hauptverbündeter des früheren Regimes vor und während des Völkermords geprägt wurden. Mit dem Beitritt zum Commonwealth im Jahr 2009 hat Ruanda die Orientierung zur Staatengemeinschaft mit englischem Einfluss verstärkt.

In den Handelszentren wird auch das ebenfalls zu den Bantusprachen gehörende regional verbreitete Kiswahili gesprochen.

Gruppenidentität

Die Auseinandersetzung mit der Umgangssprache und Begriffen aus der ruandischen Sprache der Gegenwart verdeutlicht, dass zusätzlich zu den Gruppenbezeichnungen Hutu und Tutsi heute weitere Begriffe die soziale Identität widerspiegeln.

Die durch den Völkermord hervorgerufenen Flüchtlingsströme haben die Bildung neuer Solidargemeinschaften innerhalb der ruandischen Gesellschaft, entlang der bestehenden Ethnien, zur Folge. Ein gemeinsamer Leidensweg erweist sich dabei als Bindeglied innerhalb der jeweiligen Bevölkerungsgruppe. So unterscheidet man zwischen Alt- und Neuflüchtlingen, Rückkehrern und Daheimgebliebenen. Als Altflüchtlinge bezeichnet man die aus den Nachbarländern zurückgekehrten Langzeitflüchtlinge, überwiegend aus dem Jahr 1959 und danach. Diese sind zwar alle Tutsi-Rückkehrer, werden aber, nach Herkunftsgastland (Abasajja aus Uganda, Abajepe aus Burundi und Abadubai aus der DR Kongo), in drei Hauptuntergruppen gegliedert.

Bei den Neuflüchtlingen handelt es sich um Hutu-Flüchtlinge aus dem Jahr 1994. Besondere Aufmerksamkeit bekamen jene, die infolge des Einmarsches der ruandischen Armee ins damalige Zaire im Jahr 1996 aus dem Ost-Kongo zurückgeführt wurden. Diese relativ große – nicht homogene Gruppe – wurde unter der umgangssprachlichen Bezeichnung „Abatingitingi“ (genannt nach der geographischen Lage eines großen Flüchtlingslagers in Ost-Kongo) bekannt.

Die zahlenmäßig größte Bevölkerungsgruppe stellen Ruander die nicht oder nur innerhalb des Landes vertrieben worden sind. Sie wurden, insbesondere in den ersten Jahren, unmittelbar nach dem Völkermord mit dem -umgangssprachlichen Begriff- „Abasopecya“ in Anlehnung an eine während des Massakers von April bis Juli 1994 wochenlang als einzige in Kigali noch funktionierende Tankstelle bezeichnet. Durch diese Benennung, die mit negativen Ressentiments behaftet ist, wurden Angehörige dieser Kategorie identifiziert und entsprechend mit Misstrauen bedacht, da sie pauschal mit einer Beteiligung am Völkermord in Verbindung gebracht wurden. 

Stadt-Land-Verhältnis

Die Bevölkerung lebt ungefähr zu 83% in ländlichen Gebieten. Die städtische Bevölkerung, deren Zahl infolge der Landflucht kontinuierlich zunimmt, lebt häufig in einer ungesicherten Existenz. Nur der kleinere, gut ausgebildete, Anteil findet einen festen Arbeitsplatz. Der Traum vom geregelten Einkommen und einer angemessenen Wohnsituation endet für viele in den einfachen Unterkünften der städtischen Randzonen. Diese sind jedoch, im Gegensatz zu vielen Großstädten der meisten Entwicklungsländer, in Ruanda nicht weit verbreitet. Einfachste Häuser bestehen in der Regel aus luftgetrockneten Lehmziegel-Wänden und Wellblech-Dach. Auch bei der relativ schnellen Stadtvergrößerung spielen Slumviertel eine eher untergeordnete Rolle. Neue Baugebiete werden eher von modernen Wohnsiedlungen, und nicht selten auch Villenvierteln, dominiert.

Zur Steuerung des Urbanisierungsprozesses formuliert die ruandische Regierung ihre Pläne in der “National Urban Housing Policy

Der ruandische Arbeitsmarkt wird von der Landwirtschaft dominiert. Darin sind 73% aller Beschäftigten tätig. Zahlen zur Arbeitslosigkeit haben in einem nach wie vor großen nicht-monetären Produktionsbereich keine bedeutende Aussagekraft. Von der gesamten Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (d.h. im Alter von 16 Jahen und älter) sind - laut offiziellen Daten aus der letzten Volkszählung (August 2012)- 74% erwerbstätig. Die Arbeitslosigkeit wird eher als ein städtisches Phänomen gesehen. In städtischen Gebieten liegt sie bei 7,7%, und somit doppelt so hoch wie auf nationaler Ebene (3,4%). Im ländlichen Raum geht das Nationale Institut für Statistiken in Kigali von einer Arbeitslosigkeitsrate von 2,6% aus. Junge Menschen (16-35 Jahre) sind am meisten betroffen. Um den Kontakt zwischen Arbeitssuchenden und Arbeitgebern zu erleichtern, wurde das KESC (Kigali Employment Service Center) gegründet. Das von der Stadt Kigali, in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Ministerium für Öffentliche Dienste und für Arbeit initiierte Zentrum, bietet den Arbeitssuchenden zusätzliche Hilfestellung in Form von Beratung und Training. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) begleitet das Vorhaben als Entwicklungspartner.

Familie / Frauen

Baby wird von der Schwester auf dem Rücken getragen
Baby wird von der Schwester auf dem Rücken getragen © C. Nkulikiyinka

Im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens steht immer noch die Großfamilie mit Solidarstrukturen, die für die ärmeren Bevölkerungsschichten einen Schutz vor Verelendung und Hunger bilden.

Eine ruandische Familie hat im Durchschnitt fünf Kinder. Kinder gelten traditionell als Segen und Glück und tragen zum Ansehen der Frau in der Gesellschaft bei. Sie sind unerlässliche Arbeitshilfe im Haushalt und in der Landwirtschaft, werden aber auch als Altersvorsorge verstanden. Die generalisierte extrem dichte Besiedlung des Landes sowie die damit verbundene Familienplanungspolitik der Regierung führen jedoch zunehmend zu einem Umdenken in der Gesellschaft. So kann man im Laufe der letzten Jahre einen nennenswerten Rückgang bei Geburtenrate beobachten.

Männer, Frauen und Kinder teilen sich die Arbeit im bäuerlichen Familienbetrieb. Der größte Anteil der Arbeit in Haus und Hof - entfällt auf die Frauen. Sie müssen Lebensmittel erwirtschaften und sind für die Kindererziehung zuständig.

Frauen gehörten in der traditionellen Gesellschaft Ruandas nicht in die Öffentlichkeit. Bis auf Ausnahmefälle war die ruandische Frau ihrem Mann oder Vater unterstellt und dürfte sich  in Anwesenheit von Männern nicht zu Wort melden. Ihr Einflussbereich und ihre Macht lagen in der Familie. Heute ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft nicht mehr so stark von Traditionen geprägt.

Der Genozid im Jahr 1994 hinterließ hunderttausende von Witwen und Waisenkindern. Das hat die Rolle der Frauen in der ruandischen Gesellschaft nachhaltig verändert. Viele Frauen mussten, da ihre Männer und Väter getötet worden waren oder im Gefängnis saßen, plötzlich die Aufgaben des Familienoberhaupts übernehmen. Frauen konnten früher nicht erben oder Familienoberhaupt werden. Diese Regelung wurde mittlerweile durch die neue Gesetzgebung aufgehoben. Auch in anderen Bereichen ist der Staat seitdem bemüht, den Frauen gleiche Rechte wie Männer einzuräumen. Die neue Verfassung aus dem Jahr 2003 weist deutlich frauenfreundliche Züge auf. Mindestens 30 Prozent aller Posten in Entscheidungsgremien müssen an Frauen vergeben werden. So beträgt heute beispielsweise der Frauenanteil im Parlament 64 Prozent, womit Ruanda weltweit an der ersten Stelle steht. Auch in der Wirtschaft ist die Bedeutung der Frauen entsprechend gewachsen.

Viele Frauen leiden jedoch - infolge des Volkermordes - bis heute unter extrem schweren posttraumatischen Belastungen.

Bildungswesen

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde unter dem Einfluss der überwiegend katholischen Missionare ein Schulsystem aufgebaut, das sich noch bis in die 70er Jahre am europäischen Schulwesen orientierte. Lernziele und Unterrichtsmethoden basierten auf dem belgischen Schulsystem. Mit der 1979 durchgeführten Schulreform hat der Staat die Schulhoheit übernommen und die allgemeine Schulpflicht für alle Kinder zwischen 7 und 12 Jahren eingeführt. Das ruandische Bildungswesen gliedert sich seitdem in eine eher rudimentäre Vorschulerziehung, eine für alle Kinder verpflichtende Primarschulbildung, auf der das Sekundarschulwesen und schließlich die Hochschulbildung aufbauen.

Seit dem Völkermord im Jahr 1994 kann man in Ruanda generell von einem Neuanfang  sprechen. Auch im Bildungsbereich hat es inzwischen weitreichende Veränderungen gegeben. Insbesondere im Zuge des Beschlusses einer mittelfristigen nationalen Entwicklungsstrategie (Vision 2020) wurde der Bildung eine Schlüsselrolle zugeordnet. Dabei setzt die Regierung auf eine grundlegende Transformation von einer agrargeprägten zu einer wissensbasierten Gesellschaft. Zu wichtigsten Reformen der neuesten Zeit zählt die Einführung (im Jahr 2009) des "Nine Years basic education" (9YBE); eine verpflichtende 9-jährige Grundbildung, welche derzeit (Stand 2014) auf 12 Jahre (12YBE) erweitert wird. Weitere Erneuerungen sind die 2008 stattgefundene Umstellung der Haupt-Unterrichtssprache von Französisch auf Englisch sowie das - ebenfalls im Jahr 2008 gegründete - "WDA"; eine eigenständige Behörde zur Intensivierung von Berufsausbildung.

Die Einschulungsrate liegt inzwischen über 95%. Aufgrund von der hohen Geburtenrate laufen die Schulbaumaßnahmen jedoch ständig hinter der Bevölkerungsentwicklung hinterher. Als Lösungsansatz setzt die Regierung bei entsprechenden Schul-Baumaßnahmen auf Bürgereigenbeteiligung in Form unbezahlter Arbeitskräfte während von stattlicher Seite lediglich Baumaterial zur Verfügung gestellt wird. Überfüllte Klassenräume, unzureichende didaktische Hilfsmittel sowie die geringe Qualifikation des Lehrpersonals bleiben herausfordernd und sind Hauptursachen für schwache Schulabschlüsse bzw. geringes Bildungsniveau im Allgemeinen.

 

 

Klassenraum einer Sekundarschule
Klassenraum einer Sekundarschule © J. Nshimyumukiza

Auf dem Hochschulsektor ist die "Université Nationale du Rwanda" in Huye (früher Butare) die einzige Hochschule mit einem breiteren Spektrum an Fachbereichen. Weitere staatliche Hochschulen sind die technische Hochschule, Kigali Institut of Science and Technology (KIST) und die für das Lehramt zuständige Hochschule, Kigali Institut of Education (KIE). Einige private Hochschulen sind in den letzten Jahren mit minimalen Einrichtungen gegründet worden. Nahezu alle studienberechtigten Ruander streben nach einem Hochschulabschluss. So bieten die ausgebuchten privaten Hochschulen Unterrichtsbetrieb in zwei Schichten, sodass zahlreiche Angestellte einem Studium während ihrer Freizeit nachgehen. Die Bildungsqualität leidet natürlich stark vor allem unter unzureichend qualifizierten Lehrkräften.

Gesundheitswesen

Die detaillierte Struktur des ruandischen Verwaltungsaufbaus ist gleichzeitig Grundlage des Gesundheitsaufbaus. An der Spitze stehen vier Provinzen sowie die eigenständig verwaltete Hauptstadt Kigali. Diese fünf übergeordneten Gebiete werden bis in die untersten Verwaltungseinheiten in 30 Distrikte, 416 Sektoren, 2.148 Zellen und 14.980 Gemeinden, auch Umudugudu genannt (Mehrzahl: Imidugudu), unterteilt. Dem angepasst stehen für die gesundheitliche Grundversorgung der Bevölkerung landesweit 5 Referenz- u. 42 Distriktkrankenhäuser  sowie etwa 525 Gesundheitszentren zur Verfügung. Zusätzlich ist ein Netzwerk aus etwa 60.000 Gesundheits- und SozialarbeiterInnen unterstützend tätig. Jeder Distrikt verfügt demzufolge über ein regionales Krankenhaus, deren Einzugsbereich ca. 300.000 Einwohner umfasst. Heute bestehen in fast jedem Sektor ein bis zwei Gesundheitszentren, die ca. 20.000 Menschen versorgen müssen. Der Mangel an qualifiziertem Personal stellt das wichtigste Handicap dar; für ca. 15.000 Menschen stehen im Schnitt nur ein/e Arzt/Ärztin und 12 Pflegekräfte zur Verfügung.

Weitere Grundprobleme des ruandischen Gesundheitswesens sind die nicht ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser sowie die durch Mangel- und Fehlernährung bedingten Krankheiten.

Infektions- und parasitäre Krankheiten treten in erheblichem Umfang auf und verursachen die meisten Sterbefälle. 

Staatliche Bemühungen der letzten Jahre haben landesweit zu verbesserten Bedingungen geführt. Insbesondere im Hinblick auf die Senkung hoher Säuglings-, Kinder- u. Müttersterblichkeit werden bemerkenswerte Erfolge beobachtet. In diesem Bereich wird Ruanda - aus Sicht des UNDP - die Millennium-Entwicklungsziele voraussichtlich planmäßig im Jahr 2015 erreichen. Auch im Bereich der Bekämpfung von Malaria sind Erfolge zu verzeichnen. Malaria ist zwar noch weit verbreitet, rangiert jedoch inzwischen - im Hinblick auf Häufigkeit und Ursache von Sterbefällen - hinter Grippe, Masern, Erkrankungen der Atemwege, Hautinfektionen sowie Magen- und Darmerkrankungen.

Die HIV-Prävalenz an der Gesamtbevölkerung wird mit 3% angegeben; sie ist unter der städtischen Bevölkerung am höchsten.

Literatur, Musik und Kunst

Traditioneller Paartanz, dargestellt vom Nationalballett
Traditioneller Paartanz, dargestellt vom Nationalballett © ORTPN

Zu den traditionellen Kunstformen in Ruanda gehören Musik, Tanz und Poesie in der einheimischen Sprache Kinyarwanda. Sie sind integraler Bestandteil der ruandischen Gesellschaft bei Zeremonien, Festivals sowie unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenkünften. Auch hier verlieren traditionelle Kunstformen zu Gunsten von zeitgenössischen Einflüssen zunehmend an Bedeutung. Während der Tanz traditionell bei allen Anlässen spontan und von Emotionen geleitet von allen ausgeführt wurde, wird heute traditioneller Tanz, begleitet von Gesang, Klatschen, Trommeln und Schellen, bei Familienfeiern und feierlichen offiziellen Anlässen von Tanzgruppen vorgeführt.

Zu den bekanntesten traditionellen Musikdarbietungen Ruandas zählen hochkomplexe Tanzchoreographien. Diese bestehen hauptsächlich aus dem Umushagiriro, einem von Frauen vorgeführten langsamen Tanz, welcher traditionell von einem Lobgesang auf Kühe begleitet wird und dem schnelleren, von Männer vorgeführten Ikinimba, welcher Themen des Alltags darstellt sowie aus diversen harmonischen rhythmischen Paartänzen. Den Höhepunkt der Choreographien stellt der beeindruckende Männertanz der Krieger "Intore" sowie das unverwechselbare, ebenfalls traditionell von Männer-Ensemblen durchgeführte Trommel-Spektakel (Ingoma) dar. Regionale Besonderheiten sowie Unterschiede nach ursprünglichen Kulturkreisen (populär oder königlich bzw. mit Ackerbauern-, Jäger- oder Rinderhirten-Einflüssen) bieten eine bedeutende Diversität der Darbietungen. 

Die ruandische Popmusik verbindet gern traditionelle mit modernen Musikelementen. Bedeutende Vertreter dieser Musikrichtung, wie beispielsweise Cecile Kayirebwa, Muyango oder Masamba, weisen langjährige erfolgreiche Karrieren auf, sie haben jedoch den internationalen Durchbruch nur zum Teil geschafft. Außerhalb der eigenen Diaspora sind sie kaum bekannt.  

Der Ausnahmemusiker Kizito Mihigo, der ursprünglich aus dem Bereich der Kirchenmusik kommt, ist einer der wenigen professionellen ruandischen Künstler mit entsprechender Ausbildung. Bekannt ist er auch u.a. aus einer Beteiligung am Arrangement der Nationalhymne. Dieser nutzt seine Popularität auch um sich sozial und politisch zu engagieren. Mit seiner Stiftung KMP setzt er sich u.a. für die Versöhnung der ruandischen Gesellschaft ein.

Gospel ist in Ruanda eine weitere beliebte Musikrichtung. Dabei verfügt jede Kirchen- und Schulgemeinde über einen eigenen Chor. Einige wenige Chöre wie Ambassadors of Christ haben es geschaft sich landesweit, und teilweise sogar über die Landesgrenzen hinaus, einen Namen zu machen.

Zu den vielseitigen ruandischen Musikern zählt der Sänger und Gitarrist Mihigo Chouchou. Jüngere Popmusiker wie beispielsweise Miss Jojo, Tom-Close, Knowless, welche die modernen amerikanischen Welt-Popstars als Vorbilder haben, schaffen es mit ihrem Talent als Autodidakte ein großes und meist jüngeres Publikum zu begeistern.

Der wohl bekannteste Schriftsteller Ruandas ist das 1981 verstorbene Multitalent Alexis Kagame. Als Historiker, Ethnologe, Dichter und Philosoph hat er den Ruandern in vieler Hinsicht eine lange Liste wertvoller Werke hinterlassen. Seine literarische Umsetzung der mündlichen Überlieferungen der Geschichte bleibt eine der wichtigsten Schriftwerke Ruandas. Auch seine wissenschaftliche Analyse in "La Philosophie Bantu rwandaise de l'être" über Religion, Kultur und Weltanschauung der alten Ruander ist von unschätzbarem Wert.

Handgeflochtene Körbe als landestypische Kunsthandwerke
Handgeflochtene Körbe als landestypische Kunsthandwerke © ORTPN

Theater und bildende Künste sind traditionell weniger ausgeprägt. An Kunsthandwerk sind zum Teil sehr fein ausgearbeitete Flechtarbeiten typisch. Eine bedeutende Sammlung dazu bietet unter anderem das Nationalmuseum in Butare an. In jüngerer Zeit werden auch Werke von Malern verbreitet.

Religion

Geschmückter Altar einer kath. Kirche
Die Bevölkerung Ruandas ist mehrheitlich katholisch. Sonntagsgottesdienste sind gut besucht © C. Nkulikiyinka

Eine Religionszugehörigkeit ist quasi-universell in Ruanda, nur 0,2% der  Gesamtbevölkerung gehören keiner Religion an. Schon seit der deutschen, vor allem aber seit der belgischen Kolonisation nach dem Ersten Weltkrieg, wurde das Land systematisch christlich missioniert, was zu einer Dominanz des in Belgien vorherrschenden Katholizismus führte, dem kurz vor dem Völkermord (1994) etwa zwei Drittel der Bevölkerung angehörten. Wegen ihrer umstrittenen Rolle während des Völkermordes wird die katholische Kirche bis heute stark kritisiert. Deren Anhänger wurden 2012 nur noch auf 44% der Bevölkerung gezählt. Protestanten sind mit rund 38 % durch verschiedene Kirchen wie Anglikaner, Presbyterianer, Methodisten und Baptisten vertreten, den Adventisten gehören 12% der Glaubigen an. Zum Islam bekennen sich 2 % der RuanderInnen, hauptsächlich aus städtischer Bevölkerung. Aufgrund seines vorbildlichen solidarischen Verhaltens während des Genozids genießt der Islam mehr Ansehen in der Gesellschaft als vor 1994. Anhänger des ursprünglichen religiösen Kults gehören weniger als 1% der Bevölkerung an.

Betende Gläubiger einer Freikirche auf dem Land
Zusammenkünfte von Gläubigern einer Freikirche finden auch in improvisierten Hallen statt © J. Nshimyumukiza

Auch charismatische Gruppen und neue Freikirchen (Wiedergeborene Christen und Erweckungskirchen) konnten sich - seit der Zeit um das Jahr 2000 - schnell ausbreiten. Die "Restoration church" konnte beispielsweise mehr als 3000 Anhänger innerhalb ihrer 10 ersten Existenzjahren bekehren. Zu "Zion Temple", eine der bekanntesten lokalen Freikirchen, zählen - nach eigenen Angaben - mehr als 7000 Anhänger in Ruanda und inzwischen einige Gemeinde sogar außerhalb des Landes.

Ursprünglich herrschte der Ahnenkult. Es handelt sich dabei um eine monotheistische Religion mit einem Schöpfergott - Imana - und einer großen Persönlichkeit - Ryangombe-, der, ähnlich wie beim Christentum, irdischer Repräsentant Gottes war und die Mittlerrolle übernahm. Wegen dieser Analogie waren die Ruander verhältnismäßig leicht für den christlichen Glauben zu gewinnen. Heute tritt der traditionelle Ahnenkult öffentlich kaum mehr in Erscheinung.

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Juni 2014 aktualisiert.

Der Autor

Jacques Nshimyumukiza

ist Architekt und in seinem Fachgebiet, Umwelt- und Raumplanung, als Consultant tätig. Nebenberuflich organisiert und leitet er Projekt- und Studienreisen nach Ruanda, hauptsächlich im Rahmen der langjährigen Länderpartnerschaft zwischen Ruanda und dem Bundesland Rheinland-Pfalz. Seit 2002 ist er als Landesanalyse-Tutor für Ruanda und Burundi bei der Akademie für Internationale Zusammenarbeit tätig.

Über Anregungen und Kommentare würde ich mich sehr freuen.

Literaturhinweise

Weiterführende Literatur zu den Themen:

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