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Das Land wird von drei ethnischen Gruppen bewohnt. Den Bahutu
, die Schätzungszahlen nach 80-90 % der Bevölkerung ausmachen, den Batutsi
(ca. 10-20 %) und den Batwa
mit circa 1%. Die Bezeichnung "Ethnie" für die ruandischen Bevölkerungsgruppen ist wissenschaftlich nicht korrekt. Bei "Hutu" oder "Tutsi" handelt es sich auch nicht um verschiedene Stämme, wie es in zahlreicher Literatur zu lesen ist. Sie sprechen die gleiche Bantusprache
, "Kinyarwanda", bilden eine gemeinsame Sozialstruktur, teilen religiöse Überzeugungen. Sie haben die gleiche Kultur und eine gemeinsame Geschichte. Ein bestimmtes Territorium wird auch keiner der drei Gruppen zugeordnet. Alle wohnen auf den Hügeln Grundstück an Grundstück, Tür an Tür, Eheschließungen zwischen Hutu- und Tutsifamilien sind auch keine Seltenheit. Tatsächlich ist jedoch im Laufe der Geschichte ein "ethnisches" Bewusstsein und eine Identifikation mit einer der Gruppen entstanden.
Muttersprache nahezu aller Ruander ist die Bantusprache Kinyarwanda
. Die weit überwiegende Mehrheit der Einwohner beherrschen ausschließlich diese Sprache. Weitere offizielle Amtssprachen waren seit der belgischen Kolonialzeit Französisch und seit 1994 zunehmend Englisch. Französisch und Englisch wurden im Jahr 1994 gleich gestellt. Im Oktober 2008 hat, durch einen Regierungsbeschluss, Englisch die Oberhand als Amtssprache
gewonnen und Französisch aus allen offiziellen Sprachbereichen verdrängt. Seitdem wird in staatlichen Schulen und Hochschulen nur noch Englisch als erste Fremdsprache eingesetzt.
Die ruandische Regierung begründet die Umstellung der offiziellen Landessprache von Französisch auf Englisch mit wirtschaftlichen Vorteilen
. Die Integration des Landes in einer globalisierten Weltwirtschaft wird dadurch erleichtert. Insbesondere wird die Sprachumstellung als logische Folgerung des Beitritts Ruandas Mitte 2007 zur Ostafrikanischen Staatengemeinschaft (EAC), deren ursprüngliche Mitglieder Uganda, Tansania und Kenia englischsprachig sind, angesehen. Ruanda, sowie das zweite Beitrittsland Burundi, hoffen als kleine, dichtbesiedelte Binnenstaaten, von einer EAC-Zollunion - einer geplanten politischen Föderation einschließlich eines gemeinsamen Marktes für die Region, mit einer Bevölkerung von ca. 120 Millionen Menschen - zu profitieren.
Die praktische Umsetzung dieses Vorhabens bleibt jedoch mit Schwierigkeiten verbunden da die meisten Lehrkräfte traditionell frankophon
sind. Ferner wurde in diesem Zusammenhang eine potenzielle Gefährdung des sozialen Friedens hervorgerufen: Viele - mehrheitlich in Ruanda ausgebildete - frankophone Ruander sehen sich gegenüber einer kleinen, im englischsprachigen ugandischen Exil aufgewachsen, Elite benachteiligt sowohl auf dem zunehmend englisch-dominierten privaten Arbeitsmarkt als auch im Wettbewerb um entscheidungsrelevante Posten im Staatsdienst.
Die Zurücksetzung der französischen Sprache wird auch als Konsequenz von eher schwierigen Beziehungen
zwischen Frankreich und Ruanda nach 1994 angesehen welche von der Rolle Frankreichs als Hauptverbündeter des früheren Regimes vor und während des Völkermords geprägt wurden. Mit dem Beitritt zum Commonwealth
im Jahr 2009 hat Ruanda die Orientierung zur Staatengemeinschaft mit englischem Einfluss verstärkt.
In den Handelszentren wird auch das ebenfalls zu den Bantusprachen gehörende regional verbreitete Kiswahili
gesprochen.
Die Auseinandersetzung mit der Umgangssprache und Begriffen aus der ruandischen Sprache der Gegenwart
stellt fest, dass zusätzlich zu den Bezeichnungen Hutu und Tutsi heute weitere Begriffe die soziale Realität widerspiegeln.
Die durch den Völkermord hervorgerufenen Flüchtlingsströme haben die Bildung neuer Solidargemeinschaften, entlang der bestehenden Ethnien, innerhalb der ruandischen Gesellschaft zur Folge. Ein gemeinsamer Leidensweg erweist sich dabei als Bindeglied innerhalb der jeweiligen Bevölkerungsgruppe. So unterscheidet man zwischen Alt- und Neuflüchtlingen, Rückkehrern und Daheimgebliebenen. Als Altflüchtlinge bezeichnet man die aus den Nachbarländern zurückgekehrten Langzeitflüchtlinge, überwiegend aus dem Jahr 1959 und danach. Diese sind zwar alle Tutsi-Rückkehrer, werden aber, nach Herkunftsgastland (Uganda, Burundi und Kongo), in drei Untergruppen identifiziert.
Bei den Neuflüchtlingen handelt es sich um Hutu-Flüchtlinge aus dem Jahr 1994. Besondere Aufmerksamkeit bekamen jene die infolge des Einmarsches der ruandischen Armee ins damalige Zaire im Jahr 1996 aus dem Ost-Kongo zurückgeführt wurden. Diese relativ große – nicht homogene Gruppe – wurde unter der umgangssprachlichen Bezeichnung „Abatingitingi“ (genannt nach der geographischen Lage eines großen Flüchtlingslagers in Ost-Kongo) bekannt.
Die zahlenmäßig größte Bevölkerungsgruppe stellen Ruander die nicht oder nur innerhalb des Landes vertrieben worden sind. Sie wurden, insbesondere in den ersten Jahren, unmittelbar nach dem Völkermord mit dem -umgangssprachlichen Begriff- „Abasopecya“ in Anlehnung an eine während des Massakers von April bis Juli 1994 wochenlang als einzige in Kigali noch funktionierende Tankstelle bezeichnet. Durch diese Benennung, die mit negativen Ressentiments behaftet ist, wurden Angehörige dieser Kategorie identifiziert und entsprechend mit Misstrauen bedacht da sie pauschal mit einer Beteiligung an dem Völkermord in Verbindung gebracht wurden.
Die Bevölkerung lebt überwiegend, ungefähr zu 90%, in ländlichen Gebieten. Die städtischen Familien, deren Zahl infolge der Landflucht kontinuierlich zunimmt, leben in einer ungesicherten Existenz. Nur wenige Männer (noch seltener Frauen) haben eine festen Arbeitsplatz im Dienstleistungssektor (vor allem Behörden und Banken) oder im Bausektor und in den Fabriken. Der Traum vom geregelten Einkommen und bequemen Wohnen endet für viele Familien in den Notunterkünften der städtischen Randzonen
.
Zur Steuerung des Urbanisierungsprozesses
formuliert die ruandische Regierung ihre Pläne in der “National Urban Housing Policy
“
Zahlen zu Arbeitslosigkeit
liegen nicht vor und hätten in einem nach wie vor großen nicht-monetären Produktionsbereich auch keine Aussagekraft.
Im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens steht immer noch die Großfamilie mit Solidarstrukturen, die für die ärmeren Bevölkerungsschichten einen Schutz vor Verelendung und Hunger bilden.
Eine ruandische Familie
hat im Durchschnitt fünf Kinder. Kinder gelten traditionel als Segen und Glück und tragen zum Ansehen der Frau in der Gesellschaft bei. Sie sind unerlässliche Arbeitshilfe im Haushalt und in der Landwirtschaf. Sie werden aber auch als Altersvorsorge verstanden.
Männer, Frauen und Kinder teilen sich die Arbeit im bäuerlichen Familienbetrieb. Der größte Anteil der Arbeit in Haus und Hof - entfällt auf die Frauen. Sie müssen Lebensmittel erwirtschaften und sind für die Kindererziehung zuständig.
Frauen gehörten in der traditionellen Gesellschaft Ruandas nicht in die Öffentlichkeit. Bis auf Ausnahmefälle ist die ruandische Frau ihrem Mann oder Vater unterstellt und darf sich nicht in Anwesenheit von Männern zu Wort melden. Ihre Stellung in der Gesellschaft war und bleibt noch stark von Traditionen geprägt. Ihr Einflussbereich und ihre Macht liegen in der Familie.
Der Genozid von 1994 hinterließ hunderttausende von Witwen und Waisenkindern. Das hat die Rolle der Frauen
in der ruandischen Gesellschaft verändert.Viele Frauen mussten, da ihre Männer und Väter getötet worden waren oder im Gefängnis saßen, plötzlich die Aufgaben des Familienoberhaupts übernehmen. Frauen konnten früher nicht erben oder Familienoberhaupt werden. Diese Regelung wurde mittlerweile durch die neue Gesetzgebung aufgehoben. Auch in anderen Bereichen ist der Staat seitdem bemüht, den Frauen gleiche Rechte
wie Männer einzuräumen. Die neue Verfassung aus dem Jahr 2003 weist deutlich frauenfreundliche Züge auf. 30 Prozent aller Posten in Entscheidungsgremien müssen an Frauen vergeben werden. So beträgt heute beispielsweise der Frauenanteil im Parlament 56 Prozent, womit Ruanda weltweit an der ersten Stelle steht. Auch in der Wirtschaft ist die Bedeutung
der Frauen entsprechend gewachsen.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde unter dem Einfluss der überwiegend katholischen Missionare ein Schulsystem aufgebaut, das sich noch bis in die 70er Jahre am europäischen Schulwesen orientierte. Lernziele und Unterrichtsmethoden basierten auf dem belgischen Schulsystem. Mit der 1979 durchgeführten Schulreform hat der Staat die Schulhoheit übernommen und die allgemeine Schulpflicht für alle Kinder zwischen 7 und 15 Jahren eingeführt.
Das ruandische Bildungswesen
gliedert sich in eine eher rudimentäre Vorschulerziehung, eine für alle Kinder verpflichtende Primarschulbildung auf der das Sekundarschulwesen und schließlich die Hochschulbildung
aufbauen.
Die Einschulungsrate liegt inzwischen über 90%. Die Schulbaumaßnahmen laufen ständig hinter der Bevölkerungsentwicklung hinterher. Überfüllte Klassenräume sind eine der Ursachen für schwache Schulabschlüsse den doch geringen Erfolg der Schulbildungsanstrengungen.

Auf dem Hochschulsektor
ist die "Université Nationale du Rwanda"
in Huye (früher Butare) ist die einzige Hochschule mit einem breiteren Spektrum an Fachbereichen. Weitere staatliche Hochschulen sind; die technische Hochschule, Kigali Institut of Science and Technology (KIST)
und die für das Lehramt zuständige Hochschule, Kigali Institut of Education (KIE). Einige private Hochschulen
sind in den letzten Jahren mit minimalen Einrichtungen gegründet worden. Nahezu alle studienberechtigen Ruander streben nach einem Hochschulabschluss. So bieten die ausgebuchten privaten Hochschulen
Unterrichtsbetrieb in zwei Schichten, sodass zahlreiche Angestellte einem Studium während ihrer Freizeit nachgehen. Die Bildungsqualität leidet natürlich stark vor allem unter unzureichend qualifizierten Lehrkräften.
Die Hauptprobleme des ruandischen Gesundheitswesens
sind die Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser, die Senkung der hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie die durch Mangel- und Fehlernährung bedingten Krankheiten.
Infektions- und parasitäre Krankheiten treten in erheblichem Umfang auf; sie verursachen die meisten Sterbefälle. Malaria
ist weit verbreitet, gefolgt von Grippe, Masern, Erkrankungen der Atemwege, Hautinfektionen sowie Magen- und Darmerkrankungen.
Zahlreiche staatliche Bemühungen der Letzten Jahre haben landesweit zu signifikante Ergebnisse
in der Bekämpfung von Malaria
geführt. Mit gezielten Strategien insbesondere durch massive Verteilung von mit Insektiziden behandelten Moskitonetzen konnte man innerhalb kurzer Zeit Malaria verursachte Todesfälle deutlich reduzieren (von ca. 60 auf 7% nach Angabe des Gesundheit Ministerium)
Die HIV-Prävalenz
an der Gesamtbevölkerung wird mit 3% angegeben; sie ist in in den sexuell aktiven u. städtischen Bevölkerungsteilen jedoch sehr viel höher.
Zur Grundversorgung der Bevölkerung dienen 30 Krankenhäuser. Es gibt drei zentrale Krankenhäuser in Kigali, Butare und Ruhengeri.
Jeder Distrikt verfügt über ein regionales Krankenhaus, deren Einzugsbereich ca. 250.000 Einwohner umfasst. Heute bestehen in fast jedem Sektor ein bis zwei Gesundheitszentren, die ca. 20.000 Menschen versorgen müssen.
Musik, Tanz und Poesie in einheimischer Sprache sind wichtige Kunstformen in Ruanda. Der wohl bekannteste Schriftsteller Ruandas ist das 1981 verstorbenen Multitalent Alexis Kagame
. Historiker, Ethnologe, Dichter und Philosoph, er hat in vieler Hinsicht den Ruandern eine lange Liste wertvoller Werke hinterlassen. Seine literarische Umsetzung der mündlichen Überlieferungen der Geschichte bleibt eine der wichtigsten Schriftwerke Ruandas. Auch seine wissenschaftliche Analyse in "La Philosophie Bantu rwandaise de l'être" über Religion, Kultur und Weltanschauung der alten Ruander ist von unschätzbarem Wert.
Traditionelle Tanzmusik
wird heute bei Familienfeiern und feierlichen offiziellen Anlässen von Tanzgruppen, begleitet von Gesang, Klatschen, Trommeln und Schellen vorgeführt. Den Höhepunkt stellt oft der beeindruckende Tanz der Krieger "Intore
" sowie die unverwechselbare Trommlergruppe dar. Die ruandische Popmusik verbindet gern traditionelle mit modernen Musikelementen. Einige ruandische Musiker, wie beispielsweise Cecile Kayirebwa
, Jean Paul Samputu
oder Ben Rutabana, schaffen den internationalen Durchbruch nur zum Teil. Außerhalb der eigenen Diaspora sind sie kaum bekannt.
Theater und bildende Künste sind traditionell weniger ausgeprägt. An Kunsthandwerk sind zum Teil sehr fein ausgearbeitete Flechtarbeiten typisch. Eine bedeutende Sammlung dazu bietet das Nationalmuseum in Butare unter anderem an. In jüngerer Zeit werden auch Werke von Malern verbreitet.
Schon seit der deutschen, vor allem aber seit der belgischen Kolonisation nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Land christlich missioniert, was zu einer Dominanz des in Belgien vorherrschenden Katholizismus
führte, dem kurz vor dem Völkermord etwa zwei Drittel der Bevölkerung angehörten. Wegen ihrer umstrittenen Rolle
im Völkermord wird die katholische Kirche bis heute oft kritisiert. Deren Anhänger werden gegenwärtig auf 55% geschätzt.
Protestanten sind mit rund 38 % durch verschiedene Kirchen vertreten (Anglikaner, Presbyterianer, Adventisten, Methodisten und Baptisten). Zum Islam bekennen sich rund 5 % der Ruander, hauptsächlich aus städtischer Bevölkerung. Aufgrund seines vorbildlichen solidarischen Verhaltens während des Genozids genießt der Islam
mehr Ansehen in der Gesellschaft als vor 1994.
Auch charismatische Gruppen und viele neue Freikirchen (Wiedergeborene Christen und Erweckungskirchen) konnten sich seit dem Völkermord ausbreiten.
Ursprünglich herrschte der Ahnenkult
. Es handelt sich dabei um eine monotheistische Religion mit einem Schöpfergott -Imana - und einer großen Persönlichkeit - Ryangombe-, der, ähnlich wie beim Christentum, ein Mittler und irdischer Repräsentant Gottes war. Wegen dieser Ähnlichkeit waren die Ruander leicht für den christlichen Glauben zu gewinnen. Heute tritt der traditionelle einheimische Ahnenkult öffentlich kaum mehr in Erscheinung.
Jacques Nshimyumukiza
ist Architekt und in seinem Fachgebiet, Umwelt- und Raumplanung, als Consultant tätig. Nebenberuflich organisiert und leitet er Projekt- und Studienreisen nach Ruanda, hauptsächlich im Rahmen der langjährigen Länderpartnerschaft zwischen Ruanda und dem Bundesland Rheinland-Pfalz. Seit 2002 ist er als Landesanalyse-Tutor für Ruanda und Burundi bei der GIZ tätig.
Auf Anregungen und Kommentare würde ich mich sehr freuen
Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Juni 2012 aktualisiert.
Weiterführende Literatur zu den Themen:
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