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sechs kleine palästinensische Jungen © Petra Schöning

Gesellschaft

Alle wichtigen Strukturdaten zu Gesellschaft und Kultur
BeschreibungInhalt
Amtssprache:Arabisch
bedeutendste Religion:Islam (sunnitisch) ca. 98,5 %
weitere bedeutende Religion:Christentum ca. 1,5 %
Städtische Bevölkerung:74 % (2013)
Lebenserwartung:73 Jahre (2012)

Inhalte dieser Seite

Das LIPortal

Palästinensische Gebiete

Sozialstruktur

palästinensisches Mädchen mit Schwester auf dem Arm
Zwei palästinensische Mädchen im Jordantal © Petra Schöning

Die palästinensische Gesellschaft ist eine sehr heterogene, arabische Gesellschaft. Sie kann eingeteilt werden in Städter, Bauern und Beduinen; in Muslime und Christen; in Palästinenser mit israelischem Pass, Palästinenser, die im Westjordanland und im Gazastreifen leben, Palästinenser, die mit einer Jerusalem-Identitätskarte in Ost-Jerusalem leben, und Palästinenser in der Diaspora; Flüchtlinge und Ansässige; Rückkehrer (nach dem Beginn des Osloer Friedensprozesses) und Dagebliebene; Bewohner des ägyptisch beeinflussten, traditioneller eingestellten Gazastreifens und Bewohner des jordanisch beeinflussten, (in einigen Städten) liberaleren Westjordanlandes.

Von den 11,8 Millionen Palästinensern weltweit Ende 2013 leben 38,1% (4,5 Millionen, davon 2,8 Millionen im Westjordanland und 1,7 Millionen im Gazastreifen) in Palästina und 11,9% (1,4 Millionen) in Israel. 44,1% (5,2 Millionen) leben in arabischen Ländern und 5,6% (665 Tausend) in anderen Ländern.

41% der palästinensischen Bevölkerung (im Westjordanland 26,1%, im Gazastreifen 65,3%) sind Flüchtlinge, die vom Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten UNRWA betreut werden.

2013 leben in einem Haushalt im Durchschnitt 5,2 Personen (im Westjordanland 4,9 Personen, im Gazastreifen 5,8 Personen). 1997 waren dies im Durchschnitt noch 6,4 Personen (im Westjordanland 6,1 Personen, im Gazastreifen 6,9 Personen).

Mitte 2014 leben 73,9% der Palästinenser in der Stadt, 16,7% auf dem Land und 9,4% in Flüchtlingslagern (im Westjordanland und im Gazastreifen).

Auf 100 Frauen kommen Mitte 2014 in Palästina 103,1 Männer. Das Bevölkerungswachstum beträgt 2,9%. Fast die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung ist jünger als 18 Jahre, 39,7% (37,6% im Westjordanland und 43,2% im Gazastreifen) sind sogar jünger als 15 Jahre. Nur 4,4% (4,9% im Westjordanland und 3,7% im Gazastreifen) der palästinensischen Bevölkerung sind 60 Jahre und älter.

Die vorherrschende soziale Einheit in Palästina ist die Großfamilie (Arabisch Hamula).  Ihre Mitglieder können ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten angehören und trotzdem herrscht untereinander ein Gefühl der Verantwortung und Zusammengehörigkeit, das sich in Geschäftsbeziehungen oder in Konflikten mit anderen Familien zeigt. Auf der anderen Seite übt die Hamula soziale Kontrolle aus und verlangt, dass sich der Einzelne der Gemeinschaft unterordnet. Das Individuum darf nichts tun, was dem Ruf der Großfamilie Schaden zufügen könnte. Ob im Geschäfts- oder Privatleben, jede Person steht für die gesamte Großfamilie und jeder Clan wird für das Handeln des Einzelnen zur Verantwortung gezogen. Insbesondere für Frauen gilt dies. Von ihrem Verhalten in der Öffentlichkeit hängt die Ehre der Familie, Arabisch Scharaf, ab.

Söhnen kommt immer noch eine größere Bedeutung zu als Töchtern. Der älteste Sohn führt die Familienlinie weiter und gibt seinen Eltern einen neuen sozialen Status. Die Eltern werden nach ihm „Mutter von…“ (Um ..…) bzw. „Vater von …“ (Abu …..) genannt.

Frauen sind aus dem öffentlichen Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Dennoch gibt es strenge Vorschriften für das Zusammentreffen von nicht miteinander verwandten oder verheirateten Männern und Frauen in der Öffentlichkeit. In liberalen Städten wie Jerusalem und Ramallah können junge Männer und Frauen miteinander ausgehen, jedoch nur im Beisein von Familienangehörigen, in Gruppen oder in öffentlichen Räumen wie Restaurants oder Cafés. Der gesellschaftlichen Kontrolle dürfen sie sich nicht entziehen.

In allen Berufsständen sind Frauen mittlerweile vertreten. Sie arbeiten als Polizistinnen (im Gazastreifen und im Westjordanland), Richterinnen und Politikerinnen (unter den 17 Kabinettsmitgliedern der 17. Regierung vom 2. Juni 2014 gibt es drei Ministerinnen) und der Regierungsbezirk Ramallah und El Bireh hat mit Laila Ghannam als erster eine Frau an seiner Spitze. Es gibt eine palästinensische Frauen-Fußballnationalmannschaft und auch Rennfahrerinnen. Im November 2013 ernannte die Hamas-Regierung im Gazastreifen zum ersten Mal eine weibliche Sprecherin: die 23jährige Medienwissenschaftlerin und geschiedene Mutter Isra Almodallal.

Ein großer Teil von ihnen ist jedoch in traditionellen Frauenberufen tätig, d.h. im Bildungswesen (34,7 %), im Sektor Land- und Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei (20,5 %) oder im ­Gesundheitsbereich (9,4 %). Und trotz guter Ausbildung haben sie eher niedrigere Positionen inne und sie erhalten nur 81,3% des Durchschnittslohns ihrer männlichen Kollegen.

Mit nur 19,7% (19,0% im Westjordanland und 20,8% im Gazastreifen) im Vergleich zu 71,8% bei den Männern (73,4% im Westjordanland und 69,0% im Gazastreifen) im 2. Quartal 2014 gehört die Erwerbstätigkeitsquote bei den Frauen zu den niedrigsten weltweit.

Durch die sehr schwierige wirtschaftliche und politische Situation hat die Gewalt  gegen Frauen zugenommen und auch die Zahl der "Ehrenmorde". Besonders schwierig ist die Sitution im Gazastreifen. In einer im Dezember 2009 erschienenen Studie der dort ansässigen Frauenorganisation Palestinian Women’s Information and Media Center (PWIC) erklärten 52,3% der befragten Frauen körperlich und 14,6% sexuell mißhandelt worden zu sein. Eine rechtliche Benachteiligung von Frauen gibt es in den geltenden religiösen Personenstandsrechten, die nicht im Einklang stehen u.a. mit Artikel 9 des geänderten palästinensischen Grundgesetzes, das die Geschlechtergleichkeit festschreibt.

Bildung

Eingangsschild Universität Birzeit
Eingangsschild Universität Birzeit © Petra Schöning

Mit den Osloer Abkommen wurde die Verwaltung des Bildungssystems in Palästina an die Palästinensische Behörde übergeben und 1994 das palästinenische Ministerium für Bildung geschaffen.

In Palästina besteht eine allgemeine Schulpflicht für Kinder zwischen dem 6. und 15. Lebensjahr. Bis zur 10. Klasse gibt es eine einheitliche Schulausbildung. Der Notendurchschnitt entscheidet dann, ob die Jugendlichen auf weiterführende Schulen gelangen, wo sie innerhalb von zwei Jahren das Abitur (Tawjihi) ablegen. Die Abiturprüfungen werden seit 1994/95 von den zuständigen palästinensischen Behörden abgenommen.

90% der palästinensischen Schülerinnen und Schüler besuchen nach der 10. Klasse weiterführende Schulen und mehr als 80% der Abiturienten machen nach dem Tawjihi mit der Ausbildung weiter.

2012 gab es laut eines Berichts der EU-Kommission 49 höhere Bildungseinrichtungen in Palästina, darunter 13 Universitäten und eine Fernuniversität. Zu den bekanntesten und größten gehören die Al-Najah National Universität in Nablus und die Universität Birzeit nördlich von Ramallah.

Gesundheit

Notaufnahme staatliches Krankenhaus Ramallah
Notaufnahme staatliches Krankenhaus Ramallah © Petra Schöning

Was die Gesundheitssituation in Palästina angeht, so ist in den letzten zwei Jahrzehnten die Kindersterblichkeit in Palästina stetig nach unten gegangen (und liegt unterhalb des regionalen Durchschnitts) und die Lebenserwartung deutlich nach oben (und liegt damit vier Jahre über dem Durchschnitt der Region.)

Dennoch kann die Gesundheitsversorgung in Palästina nicht als gut bezeichnet werden. Die Trennungsanlage, die Kontrollpunkte und Roadblocks, gesperrte Straßen und die Abriegelung der Gebiete verursachen eine starke Behinderung der medizinischen Versorgung und des Zugangs zu den Grundlagen für ein gesundes Leben. 

Eine von der WHO durchgeführte Studie legt dar, dass im Jahr 2011 19% (32.678 von 175.228) aller Anträge auf Einreise nach Israel aus medizinischen Gründen von Patienten und ihren Begleitern aus dem Westjordanland und 10% (1.082 von 10.560) aller Anträge aus dem Gazastreifen von der israelischen Zivilverwaltung entweder abgelehnt oder verzögert wurden. Sechs Patienten aus dem Gazastreifen starben während sie auf die Bewilligung warteten. Als Grund für die Nichterteilung der Einreiseerlaubnis wurde am häufigsten die Sicherheit genannt ohne dies näher auszuführen.

Im Juni 2014 erhielten 3,1% (56 von 1.805) aller Patienten aus dem Gazastreifen, die einen Antrag auf Ausreise gestellt hatten, keine Erlaubnis und 17,0% (307 von 1.805) bekamen keine Antwort und konnten daher ihre Behandlungstermine nicht wahrnehmen.

Immer wieder berichten palästinensische Rettungsdienste davon, dass sie durch die israelische Armee an ihrer Arbeit gehindert und sogar angegriffen werden.

Nach Angaben von UNDP wurden seit 1987 im Westjjordanland und dem Gazastreifen 72 Fälle von HIV und AIDS dokumentiert.

Kultur

Trio Joubran beim Jerusalem Festival
Trio Joubran beim Jerusalem Festival © Petra Schöning

Kulturell gehört Palästina zur Arabischen Welt, deren Länder durch das Hocharabisch als gemeinsame Sprache und durch gemeinsame Werte, Traditionen, Bräuche, Kenntnisse und Erfahrungen miteinander verbunden sind.

Es gibt eine reiche palästinensische Volkskunst u.a. im Bereich Musik, Tanz, Gesang, Handarbeiten und Kunsthandwerk sowie eine süchtig machende Kochkunst.

Bethlehem ist für seine Perlmuttarbeiten berühmt, Hebron für die Herstellung von Glas (vorwiegend in Blau), Jerusalem seit Anfang des 20. Jahrhunderts für die armenische Keramik.

Zu den bekanntesten palästinensischen Schriftstellern und Dichtern gehören Suad Amiry, Liana Badr, Mourid Barghouti, Mahmoud Darwisch, Emil HabibiJabra Ibrahim Jabra, Ghassan Kanafani, Sayed KashuaSahar Khalifa, Samih al-Qasim, Mahmoud ShukairFadwa Touqan, Ibrahim Touqan und Tawfiq Zayyad. Bei vielen von ihnen stehen der Verlust der Heimat, Entfremdung, Identitätssuche und/oder das Leben unter Besatzung im Mittelpunkt ihres Werkes.

Weit über die Grenzen hinaus bekannt sind auch der Maler Sliman Mansour, die Performance Künstlerin Raeda Saadeh, die Regisseure Annemarie JacirHany Abu Assad und Elia Suleiman, die Sängerinnen Rim Banna und Amal Murkus, das Oudspieler Trio Joubran und die Hip Hop Gruppe Dam.

Der berühmteste palästinensische Zeichner ist Naji el Ali. Er starb 1987 in London an den Folgen eines Attentats. Sein Markenzeichen war das „Handala“, ein kleiner Junge, der dem Leser immer den Rücken zukehrt und den Unmut repräsentiert, den der Künstler empfand beim Betrachten der politischen und gesellschaftlichen Situation der Palästinenser.

Die palästinensische Kulturszene ist trotz der schwierigen Situation sehr vielfältig. Aktuelle Informationen aus der und in die Szene hinein liefert  das Monatsmagazin This Week in Palestine, das vor Ort an vielen Stellen kostenlos ausliegt.

Insbesondere im Raum Ost-Jerusalem, Ramallah und Bethlehem gibt es zahlreiche spannende Kulturprojekte und kulturelle Einrichtungen. Zu ihnen gehören das Khalil Sakakini Cultural Center, das Ashtar Theatre und das Kasaba Theatre in Ramallah, das Popular Art Centre (PAC) in El-Bireh, das Internationale Begegnungszentrum (Dar Annadwa) in Bethlehem und die Al-Ma'mal Foundation for Contemporary Art in Ost-Jerusalem. Auch das Goethe Institut in Ramallah organisiert interessante Kulturveranstaltungen. Yabous Productions in Ost-Jerusalem führt einmal im Jahr das Jerusalem Festival durch. Nach 25 Jahren hat in Ost-Jerusalem im Februar 2012 das Al Quds Cinema wieder geöffnet und im Mai 2012 öffnete das Palestinian Heritage Museum of Dar al-Tifel. Die Virtuelle Galerie der Birzeit Universität gibt einen Überblick über die reichhaltige palästinensische Kunstszene und aktuelle Ausstellungen.

Darüber hinaus gibt es u.a. das Freedom Theatre und das Cinema Jenin in Jenin sowie in Yes Theatre in Hebron.

Gemälde einer Frau von Ayman Essa
Ayman Essa (Gaza): "Charm" (2007) © Petra Schöning

Religion

Im griechisch-orthodoxen Kloster auf dem Berg der Versuchung
Im griechisch-orthodoxen Kloster auf dem Berg der Versuchung © Petra Schöning

Auch in Bezug auf die Religionszugehörigkeit sind die Palästinenser kein homogenes Volk. Die Muslime machen ca. 98,5% der Bevölkerung aus. Überwiegend gehören sie der sunnitischen Richtung des Islams an. Dabei sind alle vier sunnitischen Rechtsschulen, d.h. die der Hanafiten, Malikiten, Hanbaliten und Schafiiten vertreten, wobei die hanafitische Rechtsschule vorherrscht.

Daneben gibt es eine immer kleiner werdende Zahl von palästinensischen Christen sowie mehr als 350 Samariter in Kiryat Luza auf dem Berg Gerizim in der Nähe von Nablus, wenn man mal von den  mehr als 500.000 jüdisch-israelischen Siedlern absieht, die - nach internationalem Recht illegalerweise - im Westjordanland und in Ost-Jerusalem - leben.

Die palästinensischen Christen sind in der palästinensischen Oberklasse stark vertreten und machen 2/3 der palästinensischen Mittelklasse aus. Aufgrund dieses sozioökonomischen Profils gibt es unter den Christen in Palästina eine extrem hohe Auswanderungsrate. Die vorrangigen Gründe hierfür waren die unsichere (sicherheits-)politische Lage und fehlende Arbeitsmöglichkeiten.

Christen und Muslime verbindet die gleiche historische Erfahrung von Flucht, Vertreibung und Besatzung sowie eine sehr lange positive Tradition des christlich-muslimischen Zusammenlebens auf der Basis des Omar-Paktes von 638.

Auf der anderen Seite ist die eigene gesellschaftliche Gruppe - insbesondere seit der Zweiten Intifada - immer mehr der Bezugsrahmen für die Palästinenser. Kontakte außerhalb der eigenen Gruppe sind selten und von den Mitgliedern häufig nicht gewünscht. (Hierzu gehören auch christlich-muslimische Liebesbeziehungen.) So bleibt jede religiöse Gruppe in der Regel für sich.

Die Autorin

Petra Schöning

Petra Schöning, M.A., Studium der Politikwissenschaft, Neueren Geschichte und Soziologie mit Schwerpunkt Naher Osten, seit 1995 Mitglied bei amnesty international in der Koordinationsgruppe Israel/ Besetzte Gebiete/ Palästinensische Autonomiegebiete, 27monatige Tätigkeit in Jerusalem als Zivile Friedensfachkraft, seit 2006 freiberufliche Trainerin und Beraterin mit dem Schwerpunkt Israel/Palästina.

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Dezember 2014 aktualisiert.

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