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Die Entwicklung der Wirtschaftsordnung Kambodschas ist im Kontext der Geschichte des Landes zu sehen. Die agrarische Struktur Kambodschas in Kombination mit dem Ausbleiben fast jeglicher Ansätze einer Industrialisierungspolitik behinderte die Entwicklung eines tragfähigen Wirtschaftssektors. Unter Prinz Norodom Sihanouk (1953-1970) blieb der Nassreisanbau das Fundament der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft. Ab 1963 wurden einige größere Unternehmen (Banken, Versicherungen, Handelsgesellschaften) verstaatlicht, was der sozialistischen Ideologie der Staatspartei Sangkum Reastr Niyum
entsprach. Ansätze einer Liberalisierungspolitik unter der pro-amerikanischen Regierung von Lon Nol (1970-1975) fielen der Involvierung des Landes im Vietnam-Krieg zum Opfer.
Die von den Roten Khmer
unter Pol Pot fanatisch umgesetzte Doktrin wirtschaftlicher Autarkie und die damit einhergehende Kollektivierungspolitik resultierten in einen massiven Rückgang der Wirtschaftsleistung. Die Folgen der Zerstörung der Infrastruktur waren extrem und wirken bis in die Gegenwart nach. Auch unter der pro-vietnamesischen Regierung ab 1979 verbesserte sich die ökonomische Grundsituation kaum; der Außenhandel beschränkte sich fast ausschließlich auf die Sowjetunion und die Comecon-Staaten. Das Pariser Friedensabkommen
von 1991 bildete nicht nur die Grundlage für einen umfassenden politischen Neuanfang, sondern leitete auch einen völligen Umbruch in der Außenwirtschaft ein, von der staatlichen Planwirtschaft zur marktwirtschaftlichen Ordnung, vom staatlichen zum privaten Außenhandel und von der Ost- zur Westausrichtung. Von Bedeutung waren dabei vor allem 1991 die Umstellung auf den Handel in harter Währung, die zunächst eine Reorientierung des kambodschanischen Handels auf die asiatischen Märkte (besonders Thailand, China/Hongkong, Singapur und Vietnam) nach sich zog.
Ein wichtiger Industriezweig ist die dynamisch wachsende Schuh- und Bekleidungsindustrie
mit aktuell (2012) rund 300 Fabriken und 350.000 Arbeitern, von denen 90% Frauen sind. 2011 exportierte Kambodscha Schuhe und Textilien im Wert von 4,2 Mio. US-Dollar, was in etwa 85% der Gesamtausfuhren entspricht. Die Zahl der Touristen stieg von 2004 (mehr als eine Million Ankünfte) über 1,4 Millionen 2005 und 2,1 Millionen im Jahr 2007 auf 2,9 Millionen 2011. Kambodscha verfügt nachgewiesenermaßen über große Erdöl- und Erdgasreserven (bis zu zwei Milliarden Barrel Öl und 28 Milliarden Kubikmeter Gas) offshore im Golf von Thailand; allerdings ist der Förderbeginn nach wie vor unklar
. Die Wirtschaft ist jedoch weiterhin agrarisch geprägt. Drei Viertel aller Kambodschaner sind nach wie vor in der Landwirtschaft beschäftigt.
Kambodscha gehört mit einem Pro-Kopf-Einkommen von nominal durchschnittlich 814 USD (2010) zur Gruppe der Least Developed Countries (LDC). Trotz beträchtlicher Reformanstrengungen
und massiver Geberunterstützung bleibt die Wirtschaftsbasis des Landes schwach. Dies liegt vor allem an den hohen Energiekosten, einem sehr geringen Reservoir an Facharbeitern und fehlenden rechtsstaatlichen Strukturen.


Mit etwa 35% Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist der Agrarsektor – insbesondere Reisanbau und Fischerei – der wichtigste Wirtschaftszweig. Etwa 75% der Bevölkerung finden hier Beschäftigung, vor allem zwischen April und Dezember. Die Reisernten stiegen in den letzten Jahren kontinuierlich an und kamen 2011 auf 8,4 Mio. Tonnen
. Weitere zentrale Sektoren sind die Textil-, Bau- und Tourismusbranche, die zusammen knapp 60% der Wirtschaftsleistung ausmachen. Während in der Baubranche aktuell etwas mehr 600 Mio. US-Dollar und im Tourismus rund 2 Mrd. US-Dollar umgesetzt werden, erwirtschaftet die Textilindustrie rund 85% aller Erlöse aus Warenexporten. Dieser Industriezweig macht etwa 36% des Bruttoinlandsprodukts aus und beschäftigt rund 350.000 Menschen. Immer wieder kommt es unter den Näherinnen zu Streiks, die wie zum Beispiel im Februar 2012 in Bavet
an der Grenze zu Vietnam nicht selten gewaltsam aufgelöst werden. Der Mindestlohn liegt aktuell bei 61 US-Dollar monatlich für eine Vollzeitstelle.
Neben den Exporten der Bekleidungsindustrie fährt Kambodscha zu geringen Mengen Kautschuk und Reis aus. Die wichtigsten Importe sind Rohstoffe zur Textilverarbeitung und Mineralöl (zusammen rund 60%). Einfuhren von ca. 6,6 Mrd. US-Dollar stehen Exporte über 4,9 Mrd. US-Dollar gegenüber; das Handelsbilanzdefizit lag 2011 bei fast 15% des Bruttoinlandprodukts. Trotz schlechter Rahmenbedingungen – vor allem die unzureichende Infrastruktur, die zu hohen Energie- und Transportkosten führt und die Lieferzeiten verlängert – ist die Wirtschaft
zwischen 2005 und 2011 durchschnittlich um jährlich mehr als sieben Prozent gewachsen. Die Folgen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise der Jahre 2008 bis 2010 sind in vielen Branchen überwunden worden. Einzig einige prestigeträchtige Bauvorhaben, insbesondere in der Hauptstadt Phnom Penh, sind nach wie vor unvollendet und erinnern daran, wie stark Kambodscha von Weltkonjunktur abhängt.
Die Nationalbank ist soweit unabhängig, dass sie Preisstabilität gewährleisten kann. Der Wechselkurs der Landeswährung Riel
ist stabil, nimmt angesichts einer Dollarisierungsquote von 95% aber nur eine Nebenrolle zur amerikanischen Leitwährung ein. Davon abgesehen weist der Bankensektor große Funktionsmängel
auf. Er besteht im Wesentlichen aus der Zentralbank und 50 Geschäftsbanken, die zumeist aber nur in der Hauptstadt vertreten sind. In den letzten Jahren haben sich zunehmend ausländische "Geldinstitute" in Phnom Penh niedergelassen, die ganz eigene Geschäftsziele verfolgen.
Aktuelle Daten zur makroökonomischen Situation werden nicht nur durch die Bertelsmann-Stiftung
, sondern vor allem auch von verschiedenen internationale Organisationen aufbereitet, zum Beispiel
Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten Jahre lebt immer noch jeder dritte Kambodschaner unter der nationalen Armutsgrenze. Dieser Personengruppe stehen per Definition
täglich nur 0,61 US-Dollar zur Verfügung. Preise für Grundnahrungsmittel sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen, wodurch durchschnittlich rund zwölf Prozent aller Haushalte Probleme mit der Lebensmittelversorgung haben. Armut in Kambodscha ist facettenreich
: Viele Heranwachsende sind aufgrund von Mangelernährung weiterhin im Wachstum gestört, die Kindersterblichkeit liegt bei rund 6,5 Prozent. Das Durchschnittsalter beträgt derzeit 62 Jahre, der Alphabetisierungsgrad bei 73%. Der kambodschanische Staat ist weiterhin schwach und bietet seinen Menschen keine soziale Sicherung. Außerdem bleibt vielen Menschen der Zugang zu ärztlicher Versorgung und Bildungseinrichtungen oftmals versperrt.
In Kambodscha selbst sind die Armutsraten regional unterschiedlich verteilt. Während im Zentrum und im Süden durchschnittlich weniger Menschen von extremer Armut betroffen sind, leiden die Provinzen Siem Reap - die Heimstätte von Angkor Wat und jährlich mehr als eineinhalb Millionen Touristen - und Pailin an der Grenze zu Thailand unter besonders hohen Armutsraten. Der GINI-Koeffizient zur Messung gesellschaftlicher Ungleichheit ist in den vergangenen Jahren weiter gewachsen; das bedeutet, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinanderdriftet.
In der aktuellen Rangliste der Vereinten Nationen zum Entwicklungsstand
belegt Kambodscha Rang 139 von 187 Nationen. Rund drei Jahre vor Ende der selbstgesetzten Frist der Millennium-Entwicklungsziele weist das Land eine gemischte Bilanz
auf.

Kambodschas Wirtschaft ist heute formal marktwirtschaftlich ausgerichtet und unterliegt kaum staatlichen Restriktionen. Jedoch ist der Wirtschaftsprozess de facto weiterhin durch einen hohen Korruptionsgrad
und die maßgebliche Involvierung des Militärs und hoher politischer Funktionsträger geprägt, die nicht selten im halblegalen oder illegalen Bereich
operieren. Es existieren keine Anti-Kartell-Gesetze, die größten Unternehmer Kambodschas unterhalten überdies sehr enge Beziehungen zur Regierung. Die Durchsetzung von Unternehmensinteressen durch Polizei und Militär, eine weitgehende Befreiung von Besteuerung und Schutz vor Strafverfolgung sind Gegenleistungen für die Finanzierung der Parteikasse oder von der Regierung initiierte soziale Projekte. Die Streitkräfte sind nach wie vor in die illegale Rodung von Tropenwäldern involviert, obwohl jeglicher kommerzieller Holzeinschlag seit 2002 verboten ist. Der Schmuggel von Tropenhölzern erfolgt weiterhin in bedeutendem Umfang vor allem über die Grenze zu Thailand.
Korruption umfasst alle Lebensbereiche und wird von den Kambodschanern selbst als "puk ruluoy" – morsches oder verrottetes Holz – bezeichnet. Informelle Gebühren werden bei den allermeisten Behördenkontakten fällig, sei es bei Verkehrskontrollen, Bauanträgen oder vor Gericht. Korruption steht nicht nur der wirtschaftlichen Prosperität im Weg, sondern versperrt vielen Menschen den Zugang zu Bildung und Gesundheit. Vor allem 'Sonderzahlungen' an Lehrer
durch Eltern und Schüler sind weit verbreitet und setzen Aufstiegschancen von Kindern aus ärmeren Bevölkerungsschichten enge Grenzen.
2010 wurde zwar nach mehr als zehn Jahren Diskussion endlich ein Anti-Korruptions-Gesetz verabschiedet und eine Behörde
installiert, die sich allein mit dem Kampf gegen alle möglichen Formen von Korruption beschäftigen soll. Große Erfolge sind bisher noch ausgeblieben, was angesichts des systematischen Charakters
von Korruption in Kambodscha nicht überrascht.

Erfolgreich gestalteten sich die Verhandlungen zur Mitgliedschaft Kambodschas in die WTO
. Im September 2003 wurde Kambodscha beim WTO-Ministertreffen in Cancun gemeinsam mit Nepal als den beiden ersten Least Developed Countries (LDC) in die Welthandelsorganisation aufgenommen, wobei das Abkommen jedoch erst Ende August 2004 von der kambodschanischen Nationalversammlung ratifiziert und damit wirksam wurde. Analysen zu den Auswirkungen
der WTO-Mitgliedschaft auf die wirtschafliche Entwicklung des Landes fallen gemischt aus.
Zum 31. Dezember 2015 - also genau ein Jahr später als ursprünglich geplant - wird Kambodscha nahezu vollständig in die ASEAN-Freihandelszone
integriert sein. Damit fallen sämtliche Importzölle für Produkte weg, die aus der Region importiert werden. Zusammen mit anderen Mekong-Anrainer-Staaten bildet Kambodscha die Greater Mekong Subregion
, eine Wirtschaftsorganisation, die sich dem Ausbau der regionalen Infrastruktur widmet. Interessenkonflikte
ergeben sich mitunter mit der Mekong River Commission
, die eher Umweltschutzaspekte im Blickfeld hat.
Abhängigkeit von Entwicklungshilfe
Wie sonst nur wenige andere Länder der Welt ist Kambodscha seit Jahrzehnten von Entwicklungshilfe abhängig
. Rund die Hälfte des Staatsbudgets wird von der internationalen Gebergemeinschaft getragen, in den 80er Jahren durch den Ostblock, danach vor allem durch die großen OECD-Staaten. 1992 wurde die deutsche EZ mit Kambodscha
wieder aufgenommen, nachdem die Zusammenarbeit seit 1969 aufgrund des Abbruchs der diplomatischen Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland suspendiert worden war. Kambodscha ist ein Schwerpunktpartnerland deutscher Entwicklungskooperation, wobei Deutschland zu den größten bilateralen Gebern gehört.
Die kambodschanisch-deutsche Zusammenarbeit
konzentriert sich derzeit auf folgende entwicklungspolitischen Schwerpunkte:
Ländliche Entwicklung (Landreform und regionale Wirtschaftsentwicklung)
Stärkung von Institutionen sozialer Sicherung, insbesondere der Aufbau des Gesundheitswesens (Qualitätssicherung der Gesundheitsdienstleistungen und Aufbau einer sozialen Krankenversicherung)
Darüber hinaus werden Vorhaben in der Querschnittsthematik "Gute Regierungsführung", Menschenrechte und Demokratieförderung durchgeführt (z.B. Förderung der Frauenrechte, Dezentralisierung und Verwaltungsreform, Aufbau des Rechnungshofs, Unterstützung des Khmer Rouge-Tribunals).
Armutsbekämpfung und nationale Entwicklungsanstrengungen
Ziele, Maßnahmen und Kosten der Armutsbekämpfung werden im Detail im aktuellen Nationalen Strategische Entwicklungsplan
(NSDP) für die Jahre 2009 bis 2013 beschrieben. Die Regierung setzt auf arbeitsintensives Wachstum, ökonomische Diversifizierung und zunehmenden Handel einschließlich Exportwachstum. Allerdings stehen der Umsetzung der Maßnahmen nicht nur fiskalische Grenzen, sondern häufig vor allem Interessen einflussreicher politischer Akteure entgegen. Gebermittel, die nach wie vor großzügig gewährt werden, können dieses strukturelle Umsetzungsdefizit deshalb nur begrenzt ausgleichen, urteilte vor einigen Jahren der DED.
Entwicklungsorganisationen in Kambodscha
Mit der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ
) und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)
sind beide staatlichen Durchführungsorganisationen der offiziellen Entwicklungszusammenarbeit in Kambodscha vertreten. Die Palette der GIZ ist breit gefächert, Projekte existieren u.a. im Landmanagement, in der Unterstützung der Verwaltungsreform/Dezentralisierung, die Förderung der Rechte der Frauen. Aus dem Portfolio des ehemaligen Deutschen Entwicklungsdiensts (DED) laufen Projekte in den Bereichen Demokratie, Zivilgesellschaft, öffentliche Verwaltung, Gesundheit, ländliche Entwicklung in der Region Kampot/Kampong Thom fort; auch der zivile Friedensdienst
engagiert sich in Kambodscha. Weitere internationale Entwicklungspartner sind (u.a.):
Daneben haben sich zahlreiche lokale Nichtregierungsorganisationen
etabliert. Die meisten bieten wichtige soziale Dienstleistungen, sind aber in der Regel von internationalen Gebern finanziell abhängig.

Dr. Markus Karbaum beschäftigt sich seit 2002 wissenschaftlich mit Kambodscha. 2008 erschien seine Dissertation „Kambodscha unter Hun Sen“ als Monographie im LIT-Verlag. In zahlreichen weiteren Publikationen und Lehraufträgen an der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin widmet sich Dr. Karbaum insbesondere politischen wie sozioökonomischen Transformationsprozessen und Fragen regionaler Integration in Südostasien. Als selbständiger Berater
ist er unter anderem auch als Landeskundetutor Kambodscha für die GIZ tätig. Sie können ihn hier kontaktieren.
Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im April 2013 aktualisiert.
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