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Garnelefischerei  © Bendocchi Alves

Wirtschaft und Entwicklung

BeschreibungInhalt
BIP : 2012  2,425 Mrd. US$
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität):  ca. 12.600  US$
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI):  Rang 84 (2011)
Anteil Armut (unter 1,25  US$ pro Tag):  8,3 % (2012)
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient):  0,50 (2012)
Anteil alphabetisierte Erwachsene:  91,4 % (2010)

Brasilien

Landesflagge Brasilien

Wirtschaft

Entwicklung des brasilianischen BIP. (Geografia Geral do Brasil para Todos)

 

Wirtschaftssystem und -sektoren

Entstaatlichung, Einbindung in die Weltwirtschaft und Währungsstabilisierung sind wesentliche StichworteÖffnet externen Link in neuem Fenster einer neuen Wirtschaftpolitik,Öffnet externen Link in neuem Fenster die verschiedene Regierungen in Brasilien in den letzten beiden JahrzehntenÖffnet externen Link in neuem Fenstermit Nuancen verfolgten.

Hinzu kommt als wichtige RahmenbedingungÖffnet externen Link in neuem Fensterdie Reform des Staatsapparates, die allerdings zum großen Teil noch unvollendet ist. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Abbau struktureller Defizite im Haushalt und der Steigerung der EffizienzÖffnet externen Link in neuem Fenster staatlicher Politikbereiche. Sie geht weit über die bloße Kürzung öffentlicher Ausgaben hinaus und umfasst beispielsweise die Umstrukturierung des Gesundheits- und Rentensystems, die Verbesserung des Bildungssystems und die Neuordnung des Beamtenapparates. Diese Reformen verlaufen bei weitem nicht geradlinig und sind immer wieder von Widerständen und Rückschlägen betroffen.

Die Modernisierungsprozesse in Politik und WirtschaftÖffnet externen Link in neuem Fensterbeeinflussen sich dabei stark gegenseitig. Der Bertelsmann Transformations Index (BTI)Öffnet externen Link in neuem Fenster der sich auch auf Brasilien erstreckt, erfasst beide Dimensionen sowohl quantitativ als auch qualitativ.

Weltführende brasilianische Agrarprodukte
Weltführende brasilianische Agrarprodukte

 

Wirtschaftspolitik

In den 1990-er Jahren vollzog sich in der brasilianischen WirtschaftspolitikÖffnet externen Link in neuem Fenster ein Kurswechsel von großer Bedeutung. Er stand im Kontext einer Neuorientierung politisch-gesellschaftlicher EntwicklungsvorstellungenÖffnet externen Link in neuem Fenster die sich in mehreren lateinamerikanischen Ländern vollzog. Mit der Privatisierung staatlicher Unternehmen, der Öffnung zum Weltmarkt und dem Abbau von Marktmonopolen nahm Brasilien Abschied von einem Entwicklungsmodell, in dessen Zentrum der Staat als Unternehmer, Finanzier, Vormund und Behüter gestanden hatte. Der Umbruch ist noch nicht abgeschlossen. Seine Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft sind jedoch unübersehbar.

Während die Befürworter die wieder gewonnene WettbewerbsfähigkeitÖffnet externen Link in neuem Fenster der brasilianischen WirtschaftÖffnet externen Link in neuem Fenster und die Steigerung der ausländischen Investitionen hervorheben, verweisen Kritiker auf die sozialen Kosten des neuen, als neoliberal bezeichneten Entwicklungsmodells. Manche beklagen auch in der derzeitigen Wende wiederum eine mangelnde Kontinuität und machen verschiedene Reformblockaden dafür verantwortlich.

Einer der großen wirtschaftpolitischen Erfolge unter der Regierung Fernando Henrique CardososÖffnet externen Link in neuem Fenster ist sicherlich die dauerhafte Überwindung der Inflation durch den "Plano Real" aus dem Jahre 1994. Es handelt sich um den vorläufig letzten und erfolgreichsten ReformplanÖffnet externen Link in neuem Fenster um die wirtschaftliche Stagflationsphase - wirtschaftliche Stagnation bei gleichzeitiger Inflation - zu überwinden. Die Währungsstabilisierung hatte tief greifende Auswirkungen auf die Einkommenssituation, gerade der benachteiligten Bevölkerungsgruppe. Der Kurseinbruch der brasilianischen Währung Anfang 1999 zeigte jedoch, dass dieses Modell immer noch erheblichen Risiken ausgesetzt war.

 

          Inflationsrate (%)                   Arbeitslosenquote (%)

2010

5,0

2010

6,7

2011

6,6

2011

6,0

2012

5,2

2012

6,0

 Quelle: Germany Trade & Invest

 

Auch die Regierung LulaÖffnet externen Link in neuem Fenster hat diesen Sparkurs gehalten und reagiert schon auf die geringsten Anzeichen eines Währungsverfalls mit Erhöhung der Zinsen und Haushaltskürzungen - auch wenn dies auf immer massivere Kritik aus den eigenen Reihen stößt.

Im Jahr 2007 erlebte Brasilien jedoch eine sehr positive Wirtschaftsentwicklung. Das reale Bruttoinlandsprodukt wuchs um 5,4%, d.h. zwei Prozentpunkte mehr als der Durchschnitt der beiden vergangenen Jahre. Die LandwirtschaftÖffnet externen Link in neuem Fenster legte um 5,3% zu, die Industrie um 4,9%, die ExporteÖffnet externen Link in neuem Fenster hat sich fast verdreifacht, die Investitionen stiegen um 13,4%, die Reserven in ausländischer WährungÖffnet externen Link in neuem Fenster summierten 6 Mrd. US$ (Febr. 2008) und waren höher als die Auslandsschulden. Außerdem ist die Arbeitslosigkeit zurückgegangen und neue Arbeitsplätze wurden geschaffen.

Das Jahr 2008 brachte einige Veränderung mit sich: die Zahlungsbilanz schlägt um, und man erwartet ein schnelleres Defizitwachstum (ca. 22 Milliarden US-Dollar für dieses Jahr). Grund dafür war die Reduzierung des Außenhandelsüberschusses von 16. Milliarden US-Dollar auf 8 Milliarden im Jahr 2008. Die Aufwertung des Reals in den letzten Jahren, die der Import begünstigt hat, verdoppelte den Gewinntransfer von 8 auf 15 Milliarden US-Dollar. Die Analyse zeigt, dass der AgrobusinessÖffnet externen Link in neuem Fensterund der damit direkt verbundenen IndustrieÖffnet externen Link in neuem Fenster für den Export des Landes an BedeutungÖffnet externen Link in neuem Fenster gewinnt, andererseits der industrielle SektorÖffnet externen Link in neuem Fenster Brasiliens nicht mehr so gewachsen ist wie in vorangegangenen Jahren.

Die Weltwirtschaftskrise, die seit Oktober 2008 die Welt erfasst hat, ist auch an Brasilien nicht spurlos vorbeigegangen. Besonders hart getroffen hat es den industriellen Sektor. Bereits im Dezember 2008 gaben 90% der Unternehmer an, von der Krise betroffen zu sein. Aber auch der Agrobusiness wurde betroffen, da die Landwirte auf kurzfristige Finanzierungen angewiesen sind. Im Vergleich mit dem ersten Quartal 2008 ist das BIP der Industrie in den ersten drei Monaten 2009 um 9,3% und das von der Landwirtschaft um 1,6% gesunken. Der gesammte BIP des Landes ist für den selben Zeitabschnitt um 0,8% gefallen. Um die FinanzkriseÖffnet externen Link in neuem Fensterzu bekämpfen, hat die brasilianische Regierung im Dezember 2008 ein Konjunkturpaket in Höhe von umgerechnet 9,8 Milliarden Euro angekündigt.  Die Wirtschaft erlebte nach der Finanzkriese ein starkes Wachstum, die sich jedoch seit 2011 nicht mehr so schnell und dynamisch zeigt. In 2011 wuchs die WirtschaftÖffnet externen Link in neuem Fenster um 2,7 % und 2012Öffnet externen Link in neuem Fenster wird das Land der Prognose nach unter  4% bleiben.

BrasilienÖffnet externen Link in neuem Fenster hat die Finanzkrise besser gemeistert als erwartet. Viele FaktorenÖffnet externen Link in neuem Fenster haben zu dieser überraschenden wirtschaftlichen EntwicklungÖffnet externen Link in neuem Fenster beigetragen. Der stabile und starke BinnenkonsumÖffnet externen Link in neuem Fenster hat eine große Rolle gespielt, dadurch dass das Land nur zu 14% von Export abhängig ist. Außerdem interpretieren Experten die Entwicklung Brasiliens zur geringeren Abhängigkeit des US-Marktes - ChinaÖffnet externen Link in neuem Fenster ist heute der größte Handelspartner Brasiliens, als eines der Hauptgründer für die positive Krisenbewältigung. Des Weiteren haben die Stabilität Öffnet externen Link in neuem Fensterder Finanzinstitute und der Währung auch dazu beigetragen, aber Brasilien erlebt derzeit einen starken WachstumseinbruchÖffnet externen Link in neuem Fenster, die wirtschaftliche Wachstum-Prognose für 2012 sinkt von 3,7 auf 2,5 Prozent.

 

Entwicklung des Mindestlohns
Entwicklung des Mindestlohns

 

 

PAC: Das Programm zur Beschleunigung des Wachstums

In der zweiten Amtszeit der Regierung Lula (Januar 2007), kündigte der Präsident das "Programa de Aceleração do CrescimentoÖffnet externen Link in neuem Fenster“ an, das dem Land Wachstumsimpulse und Verbesserung der  Lebensbedingungen vieler Menschen, besonders den Ärmeren, bringen sollte. Das Programm beabsichtigt die Verbesserung der veralteten Infrastruktur des Landes wie z.B. Verkehrwesen (Straßen, Flughäfen und Häfen), EnergiegewinnungÖffnet externen Link in neuem Fenster,  Stadtsanierung, Wasser- und Abwasserversorgung. Es sollten in den 4 Jahren seiner Amtzeit 503,9 Milliarden Reais (ca. 200 Milliarden Euro) in das PAC investiert werden. Dazu gehören auch ökologisch umstrittene Projekte, wie der Bau von AtomkraftwerkenÖffnet externen Link in neuem Fenster, Straßen im Amazonasgebiet und Großstaudämme. Das PAC wird von der Regierung Dilma Rousseff weitergeführt.

Laufende Mammut-ProjekteÖffnet externen Link in neuem Fenster, wie der Bau des Wasserkraftwerks Belo MonteÖffnet externen Link in neuem Fenster im Bundesstaat Pará wegen der Auswirkungen auf UmweltÖffnet externen Link in neuem Fenster und Gesellschaft sehr fragwürdige PlanÖffnet externen Link in neuem Fenster, in dem die Regireung anstrebt, einen Arm des Flusses São FranciscoÖffnet externen Link in neuem Fenster abzuzweigen, um die Dürre-Region (Sertão) zu bewässern, zeigt dass die Regierung - trotz der lauten GegestimmenÖffnet externen Link in neuem Fenster aus der zivilen Bevölkerung - ihren strikten Kurs für das überholte Entwicklungsmodell, welches keine Kleinbauern, indianische Stämme und Ökologische Faktoren berücksichtigt, unbeirrt weiterführt.

Viele Maßnahmen des ProgrammsÖffnet externen Link in neuem Fenster bedürfen einer Zustimmung des Kongresses. Doch die schnelle Umsetzung einer Vielzahl von ProjektenÖffnet externen Link in neuem Fenster in verschiedenen Regionen beweist sich als sehr langwierig. Trotzdem wird das PAC als Marketing seitens der Regierung benutzt.  

Die Fußball-WeltmeisterschaftÖffnet externen Link in neuem Fenster 2014 und die Oliympischen Spiel 2016Öffnet externen Link in neuem Fenster werden das Land viel Kapital kosten. Der Staat stellt für die Modernisierung oder den Bau der Fußball-StadienÖffnet externen Link in neuem Fenster lediglich 4,2 Milliarden US-Dollar bereit. Die Flughäfen, Autobahnen und Häfen müssen ebenso modernisiert werden und werden schätzungsweise 11 Milliarden Dollar benötigt. Experten gehen davon aus, dass beide Ereignisse Brasilien im kommenden Jahrzehnt eine große Anzahl an Investitionen (ca. 51 Mrd. US-Dollar) bringen werden.

Umleitung des Flusses Sao Francisco
Umleitung des Flusses Sao Francisco

PAS - Programm für ein nachhaltiges Amazonien

Plano Amazônia Sustentável PASÖffnet externen Link in neuem Fenster - Programm für ein nachhaltiges Amazonien.

Am 8. Mai 2008 unterzeichneten der damaligen Päsident Lula da Silva zusammen mit den Gouverneuren der Bundesländer Amazoniens (Acre, Amapá, Amazonas, Maranhão, Mato Grosso, Pará, Rondônia, Roraima und Tocantins) das Programm für ein nachhaltiges Amazonien – PAS, dessen Ziel es sei, die Richtlinien für eine nachhaltige Entwicklung des AmazonasbeckensÖffnet externen Link in neuem Fenster zu definieren. Die Kompetenz für das Programm steht nicht dem Umweltminister zu, sondern dem Minister für Strategische Angelegenheiten. 

PAS sieht ein neues Entwicklungsmodell für die Region vor, das in fünf wichtige Achsen geteilt wurde:

Nachhaltige Produktion

Regelung des Grundeigentums

Sozialer Einschluss und Bürgerschaft

Infrastruktur und Entwicklung

Neues Finanzmodell

Außer der bereits von dem „Programa Aceleração do Crescimento“ (PAC) geplanten Projekte, schließt PAS darüber hinaus die „Operação Arco Verde“Öffnet externen Link in neuem Fenster ein, die 1 Million Reais für Aufforstungs- und Wiedererlangungsprojekte in degradierten Amazonasgebieten bereitstellen wird.

Gründe der Abholzung Amazoniens: Viehwirtschaft 60%; Subsistenzwirtschaft 33%; Waldbrand, Bergbau, Verstädterung, Straßen, Staudämme 3%; Legale und illegale Holzvermarktung 3%; kommerzielle Agrarwirtschaft (einschließlich Soja) 1%.
Gründe der Abholzung Amazoniens: Viehwirtschaft 60%; Subsistenzwirtschaft 33%; Waldbrand, Bergbau, Verstädterung, Straßen, Staudämme 3%; Legale und illegale Holzvermarktung 3%; kommerzielle Agrarwirtschaft (einschließlich Soja) 1%.

Entwicklung und Entwicklungspolitik

Armut und Armutsbekämpfung

Vergangene Regierungen haben in der SozialpolitikÖffnet externen Link in neuem Fenster vor allem auf die staatlichen Dienstleistungen im Bereich Bildung und Gesundheit gesetzt. Die Ausweitung der Versorgung im Gesundheits- und Bildungsbereich über Jahrzehnte hinweg ist mit einem Qualitätsverlust einhergegangen. Die MittelÖffnet externen Link in neuem Fenster- und Oberschicht ist in diesen Bereichen längst auf private Anbieter ausgewichen, wodurch der redistributive Charakter der staatlichen Investitionen in diese Bereiche gestärkt wird. Weitere mangelhafte Sozialsysteme sind die der staatlichen Renten-, Krankheits- und Arbeitslosenversicherung, auch wenn es sich hier nur um eine minimale Grundversorgung für die Unter- und Mittelschicht handelt.

Schließlich sucht der brasilianische Staat seit langem, die regionalen Einkommensunterschiede durch spezielle Programme zu überwinden. Eigens dafür gegründete Institutionen wie SUDAMÖffnet externen Link in neuem Fenster (Superintendência de Desenvolvimento da Amazônia) oder SUDENEÖffnet externen Link in neuem Fenster (Superintendência Desenvolvimento do Nordeste) standen lange Zeit für die stärkere Anbindung des armen Nordostens an die Entwicklungslokomotive im Süden und Südosten. Vor allem durch Investitionsanreize sollte die wirtschaftliche Entwicklung des Nordens und Nordostens angekurbelt werden. Gleichzeitig aber häufte sich auch die Kritik am ProgrammÖffnet externen Link in neuem Fenster, wegen falscher Anreizstrukturen, aber auch systematischer Mittelentwendung, was schließlich zur Auflösung von SUDAM und SUDENE durch den ehemaligen Presidenten Fernando Henrique Cardoso führte und durch die Regierung Lula mit einigen Veränderungen wieder eingeführt wurde.

Auch der brasilianische Föderalismus sieht verschiedene Umverteilungsmechanismen im Rahmen von Sonderfonds für ärmere Länder und Gemeinden vor. Manche Munizipien finanzieren sich praktisch vollständig aus diesen Transferzahlungen.

ProgrammeÖffnet externen Link in neuem Fenster, die auf eine Umverteilung von Einkommen zielen, wie beispielsweise eine progressive Besteuerung des Einkommens und Sozialfürsorge haben nur eine geringe Bedeutung. Der Spitzensteuersatz für Privateinkommen liegt in Brasilien bei 27,5%.

Aufgrund dieser massiven Investitionen im sozialpolitischen Bereich und der anhaltenden krassen sozialen UnterschiedeÖffnet externen Link in neuem Fenster wurde immer wieder treffend bilanziert, der brasilianischen Staat gebe viel aber schlecht im sozialen Bereich aus. Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Rolle des Staates in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen EntwicklungÖffnet externen Link in neuem Fenster kam eine jüngere Analyse sogar zum Schluss, dass der Staat eher eine Rolle der negativen Umverteilung eingenommen hat. Deshalb hatte seit geraumer Zeit die Suche nach Alternativen in der Sozialpolitik begonnen.

Eine dieser Alternativen besteht in Programmen, die sich am Bedarf der einzelnen Bürger orientieren. Diese Programme, basierend auf der Idee einer gesetzlich garantierten Sozialhilfe, bilden den Schwerpunkt von Lula SozialpolitikÖffnet externen Link in neuem Fenster. Die 'Bolsa Familia' wurde zum wichtigsten Aushängeschild der Regierung Lula.

 

Deutsche Entwicklungsorganisationen


Brasilien ist nicht nur als Regionalmacht, sondern auch wegen des besonderen Gewichts der deutschen InvestitionenÖffnet externen Link in neuem Fenster vermutlich der wichtigste AnsprechpartnerÖffnet externen Link in neuem Fenster Deutschlands in Lateinamerika. Es befinden sich zurzeit  1200 deutsche Unternehmer in Brasilien, mit einem InvestitionsvolumenÖffnet externen Link in neuem Fenstervon ca. 25 Milliarden US-Dollar, die für rund 17% der industriellen Produktion des Landes verantwortlich sind. Der obligatorische Einschluss des Landes in deutsche Staatsbesuche auf dem Kontinent ist nur äußeres Kennzeichen dieses hohen Stellenwerts.

Die brasilianische Regierung hat sich für die Fortsetzung des umstrittenen AtomprogrammesÖffnet externen Link in neuem Fenster, das aus den siebziger Jahren stammt,  entschieden. Nach dem Bau von zwei Atomkraftwerken – Angra 1 und 2 -, wird  das dritte – Angra 3 – geplant. Die deutsche Regierung will dafür eine HermesbürgschaftÖffnet externen Link in neuem Fenster von ca. 1,5 Milliarden Euro übernehmen, falls von brasilianischer Seite der Atomkonzern Areva, an dem Siemens Beteiligungen hat,  nicht seine Rechnungen bezahlt bekommt.

Die Europäische Union ist der größte HandelspartnerÖffnet externen Link in neuem Fenster Brasiliens mit einem Handelsvolumen von 82,3 Mrd. US$ (2010). Im Vergleich  beträgt  das Volumen mit China „nur“ 56,2 Mrd. US$ und mit den USA 46,5 US$. Daraus ergibt sich eine hohe Priorität für das Verhältnis zwischen Brasilien und der EU, die jedes Jahr in einem GipfeltreffenÖffnet externen Link in neuem Fenster Ausdruck findet. Im Oktober 2011 wurde in Brüssel das neue bilaterale Abkommen von unterzeichnet.  Zum ersten Mal stand 2010 allerdings ein Defizit auf brasilianischer Seite in der Bilanz des AußenhandelsÖffnet externen Link in neuem Fenster zwischen Brasilien und der EU.  Aus brasilianischer Sicht bestehen Schwierigkeiten beim Export landwirtschaftlicher Produkte, wegen des europäischen Marktzuganges und den Agrar-Subventionen, und beim Biotreibstoff.

Zahlreiche deutsche Institutionen sind in Brasilien vertreten. Neben der Deutschen BotschaftÖffnet externen Link in neuem Fenster in Brasília und den Konsulaten in Porto Alegre, São Paulo, Rio de Janeiro und Recife und den Organisationen aus der Entwicklungszusammenarbeit gehören dazu auch die Goethe-Institute in Brasilia, Salvador, Rio de Janeiro, São PauloÖffnet externen Link in neuem Fenster, Curitiba und Porto Alegre und die Deutsch-Brasilianische Industrie- und HandelskammernÖffnet externen Link in neuem Fenster, die vor allem im Südosten und Süden (Rio de Janeiro, São Paulo, Curitiba und Porto Alegre) präsent sind. Die deutschen politischen Stiftungen sind seit lange in Brasilien aktiv. Sie fördern politische Bildung und die Aus- und Fortbildung politischer und gesellschaftlicher Nachwuchskräfte, wie z.B. die Friedrich Naumann StiftungÖffnet externen Link in neuem Fenster und Friedrich Ebert-StiftungÖffnet externen Link in neuem Fenster in Sao Paulo und Heinrich-BöllÖffnet externen Link in neuem Fenster- und die Konrad Adenauer-StiftungÖffnet externen Link in neuem Fenster in Rio de Janeiro. Erwähnenswert ist auch das Martius-Staden InstitutÖffnet externen Link in neuem Fenster in São Paulo, eine von Brasilien getragene Kultureinrichtung,  die auf den Kulturdialog mit Deutschend ausgerichtet ist. Bei diesen Institutionen finden sie Hinweise zu laufenden Veranstaltungen in Brasilien, aber auch Antworten auf praktischen FragenÖffnet externen Link in neuem Fenster. Die deutsche KulturzusammenarbeitÖffnet externen Link in neuem Fenster mit Brasilien besteht aus einer Mischung aus interkulturellem Dialog zwischen den Welten, Heimatpflege für Deutsche im Ausland und gezielter Standortpflege bei einem wichtigen Wirtschaftspartner.

Für den Bereich der Entwicklungszusammenarbeit mit Lateinamerika hat die Bundesregierung ein LateinamerikakonzeptÖffnet externen Link in neuem Fenster ausgearbeitet, in dem die historisch-kulturelle Verbindung zu Europa betont wird. Die Reformen in den 1980er und 1990er Jahren hin zu mehr Demokratie und einem Umbau in Staat und Wirtschaft werden als positiv herausgestellt. Die Bewahrung der ÖkosystemeÖffnet externen Link in neuem Fenster mit ihrer globalen Bedeutung  und die Minderung der sozialen Ungleichheit zur Sicherung von Frieden und Demokratie werden aber weiterhin als strategische Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung genannt. Lateinamerika gehört nicht zu den ärmsten Regionen der Welt, weist aber im globalen Vergleich die krassesten Unterschiede zwischen arm und reich auf. Die Hintergrundanalyse hebt hervor dass sich Korruption und organisierte Kriminalität dort breit machen wo gesellschaftliche und öffentliche Ordnungskräfte versagen. Die Stärkung der Zivilgesellschaft und die Modernisierung des Staatsapparates bilden den dritten Schwerpunkt deutscher Entwicklungszusammenarbeit in Lateinamerika.

Im Zusammenhang mit der neuen Definition Brasiliens als Globaler Entwicklungspartner (GEP) kommt es zurzeit zu einer Neuorientierung der deutschen EntwicklungszusammenarbeitÖffnet externen Link in neuem Fenster mit Brasilien. Dieses kürzlich entwickelte Konzept des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung versteht GEPs als "Schwellenländer bzw. aufstrebende Länder, die zusätzlich über wesentliche Merkmale von Industrieländern verfügen und durch ihre geopolitische Bedeutung globale Prozesse im Rahmen der G-20-Formation gestalten." Die Kooperation zwischen Deutschland und den derzeitigen GEP-Ländern Brasilien, Mexiko, Indien, Südafrika und Indonesien soll dazu beitragen, soziale, ökologische und politische Ziele, insbesondere der Milleniums-Entwicklungsziele, zu erreichen.

Die bilaterale ZusammenarbeitÖffnet externen Link in neuem Fenster Deutschlands mit Brasilien konzentriert sich auf die Schwerpunkte Schutz und nachhaltige Nutzung der Amazonas- und atlantischen Tropenwälder Brasiliens, die Armutsreduktion und, als neu hinzugekommen, die Förderung erneuerbarer Energien. Im ersten Bereich profitiert die deutsche EZ immer noch von der von Deutschland 1990 initiierten PPG7-Initiative zum Schutz der Tropischen Wälder, die jetzt in 2010 nach 15 Jahren ausläuft. Im Bereich Energie geht es darum, Brasilien trotz einer bereits sehr hohen Energieversorgung auf der Basis von Wasserkraft auch andere erneuerbare EnergieträgerÖffnet externen Link in neuem Fenster wie Wind- und Sonnenenergie anzubieten, wo Deutschland besonderes Wissen und Technologien anzubieten hat. Der bisherige Schwerpunkt der Armutsbekämpfung im Nordosten wird eventuell zurückgefahren unter dem Gesichtspunkt, dass Brasilien in der Lage sein sollte, das Armutsproblem selbst zu lösen.

Seit ersten Januar diesen Jahres besteht eine Fusion zwischen DED, GTZ und InWent, die zusammen nun die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)Öffnet externen Link in neuem Fenster bilden.

Der Deutsche Entwicklungsdienst (DED), der jetzt einen Teil der GIZ bildet, ist seit 1969 in Brasilien tätig und arbeitet zusammen vornehmlich mit Nichtregierungsorganisationen. Der DED konzentriert sich hauptsächlich auf Projekte im Bereich der Armutsbekämpfung wie z.B. in ländlichen Regionen bei Biodieselproduktion oder bei der Unterstützung organischer Landwirtschaft. Der DED hat lange Zeit seinen Schwerpunk im Nordosten gehabt. Vor kurzem aber hat er seine Tätigkeiten mehr auf das Amazonasgebiet konzentriert und sich aus seiner ursprünglichen Arbeitsregion zurückgezogen.

Bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), heute auch ein Teil der neuen GIZ, nimmt neben den beiden Schwerpunkten Tropenwalderhalt und Umwelt/Energie, auch der Bereich Armutsbekämpfung im Nordosten weiterhin eine wichtige Rolle ein. Neben dem Schrumpfungsprozess der letzten Jahre sind die stärkere Einbindung in nationale Entwicklungsprogramme und das Andocken an von internationalen Entwicklungsbanken und bilateralen Gebern finanzierte Programme zunehmend wichtig. Im Schwerpunktbereich Umweltmanagement und erneuerbare Energieträger kann die deutsche EZ vor allem im Bereich der Altlastensanierung und des Flächenrecycling wertvolle Erfahrungen einbringen. Das Tropenwaldprogramm gliedert sich in drei thematische Linien: Naturschutz, zu dem die Ausweisung von Naturschutzgebieten zählt; Ausweisung und Management von IndianergebietenÖffnet externen Link in neuem Fenster; und Raumordnungsfragen mit Blick auf den Ressourcenschutz.

Durch das große internationale Naturschutzprogramm ARPAÖffnet externen Link in neuem Fenster hat Brasilien es sich zum ehrgeizigen Ziel gesetzt, 50 Millionen Hektar Wald in Amazonien zu schützen. In der ersten Phase des Programms des ARPA wurden 2006 ca. 90.000 km2 neue Gebiete für Parks und weitere 90.000 km2 neue Gebiete für nachhaltige Entwicklungsgebiete erklärt. Das ARPA soll 10 Jahre lang dauern und 395 Mio. Dollar kosten. Die brasilianische Regierung gibt dabei 18,1 Mio. Dollar frei. Global Environment Facility und WWF beteiligen sich ebenso wie andere Institutionen.

 

Amazonia: Indigene Reservate
Amazonia: Indigene Reservate

Autorin

Débora Bendocchi Alves, Dr. phil., geboren 1959 in Brasilien. Studium der Geschichte und Pädagogik. Dozentin für brasilianische Geschichte an der Iberischen und Lateinamerikanischen Abt. des Historischen Seminars der Universität zu Köln.

Für Anregung und Kommentare wäre ich Ihnen dankbar.

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde im März 2013 zum letzten Mal aktualiziert.

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