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Entstaatlichung, Einbindung in die Weltwirtschaft und Währungsstabilisierung sind wesentliche Stichworte
einer neuen Wirtschaftpolitik,
die verschiedene Regierungen in Brasilien in den letzten beiden Jahrzehnten
mit Nuancen verfolgten.
Hinzu kommt als wichtige Rahmenbedingung
die Reform des Staatsapparates, die allerdings zum großen Teil noch unvollendet ist. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Abbau struktureller Defizite im Haushalt und der Steigerung der Effizienz
staatlicher Politikbereiche. Sie geht weit über die bloße Kürzung öffentlicher Ausgaben hinaus und umfasst beispielsweise die Umstrukturierung des Gesundheits- und Rentensystems, die Verbesserung des Bildungssystems und die Neuordnung des Beamtenapparates. Diese Reformen verlaufen bei weitem nicht geradlinig und sind immer wieder von Widerständen und Rückschlägen betroffen.
Die Modernisierungsprozesse in Politik und Wirtschaft
beeinflussen sich dabei stark gegenseitig. Der Bertelsmann Transformations Index (BTI)
der sich auch auf Brasilien erstreckt, erfasst beide Dimensionen sowohl quantitativ als auch qualitativ.
In den 1990-er Jahren vollzog sich in der brasilianischen Wirtschaftspolitik
ein Kurswechsel von großer Bedeutung. Er stand im Kontext einer Neuorientierung politisch-gesellschaftlicher Entwicklungsvorstellungen
die sich in mehreren lateinamerikanischen Ländern vollzog. Mit der Privatisierung staatlicher Unternehmen, der Öffnung zum Weltmarkt und dem Abbau von Marktmonopolen nahm Brasilien Abschied von einem Entwicklungsmodell, in dessen Zentrum der Staat als Unternehmer, Finanzier, Vormund und Behüter gestanden hatte. Der Umbruch ist noch nicht abgeschlossen. Seine Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft sind jedoch unübersehbar.
Während die Befürworter die wieder gewonnene Wettbewerbsfähigkeit
der brasilianischen Wirtschaft
und die Steigerung der ausländischen Investitionen hervorheben, verweisen Kritiker auf die sozialen Kosten des neuen, als neoliberal bezeichneten Entwicklungsmodells. Manche beklagen auch in der derzeitigen Wende wiederum eine mangelnde Kontinuität und machen verschiedene Reformblockaden dafür verantwortlich.
Einer der großen wirtschaftpolitischen Erfolge unter der Regierung Fernando Henrique Cardosos
ist sicherlich die dauerhafte Überwindung der Inflation durch den "Plano Real" aus dem Jahre 1994. Es handelt sich um den vorläufig letzten und erfolgreichsten Reformplan
um die wirtschaftliche Stagflationsphase - wirtschaftliche Stagnation bei gleichzeitiger Inflation - zu überwinden. Die Währungsstabilisierung hatte tief greifende Auswirkungen auf die Einkommenssituation, gerade der benachteiligten Bevölkerungsgruppe. Der Kurseinbruch der brasilianischen Währung Anfang 1999 zeigte jedoch, dass dieses Modell immer noch erheblichen Risiken ausgesetzt war.
Inflationsrate (%) Arbeitslosenquote (%)
2010 | 5,0 | 2010 | 6,7 |
2011 | 6,6 | 2011 | 6,0 |
2012 | 5,2 | 2012 | 6,0 |
Quelle: Germany Trade & Invest
Auch die Regierung Lula
hat diesen Sparkurs gehalten und reagiert schon auf die geringsten Anzeichen eines Währungsverfalls mit Erhöhung der Zinsen und Haushaltskürzungen - auch wenn dies auf immer massivere Kritik aus den eigenen Reihen stößt.
Im Jahr 2007 erlebte Brasilien jedoch eine sehr positive Wirtschaftsentwicklung. Das reale Bruttoinlandsprodukt wuchs um 5,4%, d.h. zwei Prozentpunkte mehr als der Durchschnitt der beiden vergangenen Jahre. Die Landwirtschaft
legte um 5,3% zu, die Industrie um 4,9%, die Exporte
hat sich fast verdreifacht, die Investitionen stiegen um 13,4%, die Reserven in ausländischer Währung
summierten 6 Mrd. US$ (Febr. 2008) und waren höher als die Auslandsschulden. Außerdem ist die Arbeitslosigkeit zurückgegangen und neue Arbeitsplätze wurden geschaffen.
Das Jahr 2008 brachte einige Veränderung mit sich: die Zahlungsbilanz schlägt um, und man erwartet ein schnelleres Defizitwachstum (ca. 22 Milliarden US-Dollar für dieses Jahr). Grund dafür war die Reduzierung des Außenhandelsüberschusses von 16. Milliarden US-Dollar auf 8 Milliarden im Jahr 2008. Die Aufwertung des Reals in den letzten Jahren, die der Import begünstigt hat, verdoppelte den Gewinntransfer von 8 auf 15 Milliarden US-Dollar. Die Analyse zeigt, dass der Agrobusiness
und der damit direkt verbundenen Industrie
für den Export des Landes an Bedeutung
gewinnt, andererseits der industrielle Sektor
Brasiliens nicht mehr so gewachsen ist wie in vorangegangenen Jahren.
Die Weltwirtschaftskrise, die seit Oktober 2008 die Welt erfasst hat, ist auch an Brasilien nicht spurlos vorbeigegangen. Besonders hart getroffen hat es den industriellen Sektor. Bereits im Dezember 2008 gaben 90% der Unternehmer an, von der Krise betroffen zu sein. Aber auch der Agrobusiness wurde betroffen, da die Landwirte auf kurzfristige Finanzierungen angewiesen sind. Im Vergleich mit dem ersten Quartal 2008 ist das BIP der Industrie in den ersten drei Monaten 2009 um 9,3% und das von der Landwirtschaft um 1,6% gesunken. Der gesammte BIP des Landes ist für den selben Zeitabschnitt um 0,8% gefallen. Um die Finanzkrise
zu bekämpfen, hat die brasilianische Regierung im Dezember 2008 ein Konjunkturpaket in Höhe von umgerechnet 9,8 Milliarden Euro angekündigt. Die Wirtschaft erlebte nach der Finanzkriese ein starkes Wachstum, die sich jedoch seit 2011 nicht mehr so schnell und dynamisch zeigt. In 2011 wuchs die Wirtschaft
um 2,7 % und 2012
wird das Land der Prognose nach unter 4% bleiben.
Brasilien
hat die Finanzkrise besser gemeistert als erwartet. Viele Faktoren
haben zu dieser überraschenden wirtschaftlichen Entwicklung
beigetragen. Der stabile und starke Binnenkonsum
hat eine große Rolle gespielt, dadurch dass das Land nur zu 14% von Export abhängig ist. Außerdem interpretieren Experten die Entwicklung Brasiliens zur geringeren Abhängigkeit des US-Marktes - China
ist heute der größte Handelspartner Brasiliens, als eines der Hauptgründer für die positive Krisenbewältigung. Des Weiteren haben die Stabilität
der Finanzinstitute und der Währung auch dazu beigetragen, aber Brasilien erlebt derzeit einen starken Wachstumseinbruch
, die wirtschaftliche Wachstum-Prognose für 2012 sinkt von 3,7 auf 2,5 Prozent.
In der zweiten Amtszeit der Regierung Lula (Januar 2007), kündigte der Präsident das "Programa de Aceleração do Crescimento
“ an, das dem Land Wachstumsimpulse und Verbesserung der Lebensbedingungen vieler Menschen, besonders den Ärmeren, bringen sollte. Das Programm beabsichtigt die Verbesserung der veralteten Infrastruktur des Landes wie z.B. Verkehrwesen (Straßen, Flughäfen und Häfen), Energiegewinnung
, Stadtsanierung, Wasser- und Abwasserversorgung. Es sollten in den 4 Jahren seiner Amtzeit 503,9 Milliarden Reais (ca. 200 Milliarden Euro) in das PAC investiert werden. Dazu gehören auch ökologisch umstrittene Projekte, wie der Bau von Atomkraftwerken
, Straßen im Amazonasgebiet und Großstaudämme. Das PAC wird von der Regierung Dilma Rousseff weitergeführt.
Laufende Mammut-Projekte
, wie der Bau des Wasserkraftwerks Belo Monte
im Bundesstaat Pará wegen der Auswirkungen auf Umwelt
und Gesellschaft sehr fragwürdige Plan
, in dem die Regireung anstrebt, einen Arm des Flusses São Francisco
abzuzweigen, um die Dürre-Region (Sertão) zu bewässern, zeigt dass die Regierung - trotz der lauten Gegestimmen
aus der zivilen Bevölkerung - ihren strikten Kurs für das überholte Entwicklungsmodell, welches keine Kleinbauern, indianische Stämme und Ökologische Faktoren berücksichtigt, unbeirrt weiterführt.
Viele Maßnahmen des Programms
bedürfen einer Zustimmung des Kongresses. Doch die schnelle Umsetzung einer Vielzahl von Projekten
in verschiedenen Regionen beweist sich als sehr langwierig. Trotzdem wird das PAC als Marketing seitens der Regierung benutzt.
Die Fußball-Weltmeisterschaft
2014 und die Oliympischen Spiel 2016
werden das Land viel Kapital kosten. Der Staat stellt für die Modernisierung oder den Bau der Fußball-Stadien
lediglich 4,2 Milliarden US-Dollar bereit. Die Flughäfen, Autobahnen und Häfen müssen ebenso modernisiert werden und werden schätzungsweise 11 Milliarden Dollar benötigt. Experten gehen davon aus, dass beide Ereignisse Brasilien im kommenden Jahrzehnt eine große Anzahl an Investitionen (ca. 51 Mrd. US-Dollar) bringen werden.
Plano Amazônia Sustentável PAS
- Programm für ein nachhaltiges Amazonien.
Am 8. Mai 2008 unterzeichneten der damaligen Päsident Lula da Silva zusammen mit den Gouverneuren der Bundesländer Amazoniens (Acre, Amapá, Amazonas, Maranhão, Mato Grosso, Pará, Rondônia, Roraima und Tocantins) das Programm für ein nachhaltiges Amazonien – PAS, dessen Ziel es sei, die Richtlinien für eine nachhaltige Entwicklung des Amazonasbeckens
zu definieren. Die Kompetenz für das Programm steht nicht dem Umweltminister zu, sondern dem Minister für Strategische Angelegenheiten.
PAS sieht ein neues Entwicklungsmodell für die Region vor, das in fünf wichtige Achsen geteilt wurde:
Nachhaltige Produktion
Regelung des Grundeigentums
Sozialer Einschluss und Bürgerschaft
Infrastruktur und Entwicklung
Neues Finanzmodell
Außer der bereits von dem „Programa Aceleração do Crescimento“ (PAC) geplanten Projekte, schließt PAS darüber hinaus die „Operação Arco Verde“
ein, die 1 Million Reais für Aufforstungs- und Wiedererlangungsprojekte in degradierten Amazonasgebieten bereitstellen wird.
Armut und Armutsbekämpfung
Vergangene Regierungen haben in der Sozialpolitik
vor allem auf die staatlichen Dienstleistungen im Bereich Bildung und Gesundheit gesetzt. Die Ausweitung der Versorgung im Gesundheits- und Bildungsbereich über Jahrzehnte hinweg ist mit einem Qualitätsverlust einhergegangen. Die Mittel
- und Oberschicht ist in diesen Bereichen längst auf private Anbieter ausgewichen, wodurch der redistributive Charakter der staatlichen Investitionen in diese Bereiche gestärkt wird. Weitere mangelhafte Sozialsysteme sind die der staatlichen Renten-, Krankheits- und Arbeitslosenversicherung, auch wenn es sich hier nur um eine minimale Grundversorgung für die Unter- und Mittelschicht handelt.
Schließlich sucht der brasilianische Staat seit langem, die regionalen Einkommensunterschiede durch spezielle Programme zu überwinden. Eigens dafür gegründete Institutionen wie SUDAM
(Superintendência de Desenvolvimento da Amazônia) oder SUDENE
(Superintendência Desenvolvimento do Nordeste) standen lange Zeit für die stärkere Anbindung des armen Nordostens an die Entwicklungslokomotive im Süden und Südosten. Vor allem durch Investitionsanreize sollte die wirtschaftliche Entwicklung des Nordens und Nordostens angekurbelt werden. Gleichzeitig aber häufte sich auch die Kritik am Programm
, wegen falscher Anreizstrukturen, aber auch systematischer Mittelentwendung, was schließlich zur Auflösung von SUDAM und SUDENE durch den ehemaligen Presidenten Fernando Henrique Cardoso führte und durch die Regierung Lula mit einigen Veränderungen wieder eingeführt wurde.
Auch der brasilianische Föderalismus sieht verschiedene Umverteilungsmechanismen im Rahmen von Sonderfonds für ärmere Länder und Gemeinden vor. Manche Munizipien finanzieren sich praktisch vollständig aus diesen Transferzahlungen.
Programme
, die auf eine Umverteilung von Einkommen zielen, wie beispielsweise eine progressive Besteuerung des Einkommens und Sozialfürsorge haben nur eine geringe Bedeutung. Der Spitzensteuersatz für Privateinkommen liegt in Brasilien bei 27,5%.
Aufgrund dieser massiven Investitionen im sozialpolitischen Bereich und der anhaltenden krassen sozialen Unterschiede
wurde immer wieder treffend bilanziert, der brasilianischen Staat gebe viel aber schlecht im sozialen Bereich aus. Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Rolle des Staates in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung
kam eine jüngere Analyse sogar zum Schluss, dass der Staat eher eine Rolle der negativen Umverteilung eingenommen hat. Deshalb hatte seit geraumer Zeit die Suche nach Alternativen in der Sozialpolitik begonnen.
Eine dieser Alternativen besteht in Programmen, die sich am Bedarf der einzelnen Bürger orientieren. Diese Programme, basierend auf der Idee einer gesetzlich garantierten Sozialhilfe, bilden den Schwerpunkt von Lula Sozialpolitik
. Die 'Bolsa Familia' wurde zum wichtigsten Aushängeschild der Regierung Lula.
Brasilien ist nicht nur als Regionalmacht, sondern auch wegen des besonderen Gewichts der deutschen Investitionen
vermutlich der wichtigste Ansprechpartner
Deutschlands in Lateinamerika. Es befinden sich zurzeit 1200 deutsche Unternehmer in Brasilien, mit einem Investitionsvolumen
von ca. 25 Milliarden US-Dollar, die für rund 17% der industriellen Produktion des Landes verantwortlich sind. Der obligatorische Einschluss des Landes in deutsche Staatsbesuche auf dem Kontinent ist nur äußeres Kennzeichen dieses hohen Stellenwerts.
Die brasilianische Regierung hat sich für die Fortsetzung des umstrittenen Atomprogrammes
, das aus den siebziger Jahren stammt, entschieden. Nach dem Bau von zwei Atomkraftwerken – Angra 1 und 2 -, wird das dritte – Angra 3 – geplant. Die deutsche Regierung will dafür eine Hermesbürgschaft
von ca. 1,5 Milliarden Euro übernehmen, falls von brasilianischer Seite der Atomkonzern Areva, an dem Siemens Beteiligungen hat, nicht seine Rechnungen bezahlt bekommt.
Die Europäische Union ist der größte Handelspartner
Brasiliens mit einem Handelsvolumen von 82,3 Mrd. US$ (2010). Im Vergleich beträgt das Volumen mit China „nur“ 56,2 Mrd. US$ und mit den USA 46,5 US$. Daraus ergibt sich eine hohe Priorität für das Verhältnis zwischen Brasilien und der EU, die jedes Jahr in einem Gipfeltreffen
Ausdruck findet. Im Oktober 2011 wurde in Brüssel das neue bilaterale Abkommen von unterzeichnet. Zum ersten Mal stand 2010 allerdings ein Defizit auf brasilianischer Seite in der Bilanz des Außenhandels
zwischen Brasilien und der EU. Aus brasilianischer Sicht bestehen Schwierigkeiten beim Export landwirtschaftlicher Produkte, wegen des europäischen Marktzuganges und den Agrar-Subventionen, und beim Biotreibstoff.
Zahlreiche deutsche Institutionen sind in Brasilien vertreten. Neben der Deutschen Botschaft
in Brasília und den Konsulaten in Porto Alegre, São Paulo, Rio de Janeiro und Recife und den Organisationen aus der Entwicklungszusammenarbeit gehören dazu auch die Goethe-Institute in Brasilia, Salvador, Rio de Janeiro, São Paulo
, Curitiba und Porto Alegre und die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammern
, die vor allem im Südosten und Süden (Rio de Janeiro, São Paulo, Curitiba und Porto Alegre) präsent sind. Die deutschen politischen Stiftungen sind seit lange in Brasilien aktiv. Sie fördern politische Bildung und die Aus- und Fortbildung politischer und gesellschaftlicher Nachwuchskräfte, wie z.B. die Friedrich Naumann Stiftung
und Friedrich Ebert-Stiftung
in Sao Paulo und Heinrich-Böll
- und die Konrad Adenauer-Stiftung
in Rio de Janeiro. Erwähnenswert ist auch das Martius-Staden Institut
in São Paulo, eine von Brasilien getragene Kultureinrichtung, die auf den Kulturdialog mit Deutschend ausgerichtet ist. Bei diesen Institutionen finden sie Hinweise zu laufenden Veranstaltungen in Brasilien, aber auch Antworten auf praktischen Fragen
. Die deutsche Kulturzusammenarbeit
mit Brasilien besteht aus einer Mischung aus interkulturellem Dialog zwischen den Welten, Heimatpflege für Deutsche im Ausland und gezielter Standortpflege bei einem wichtigen Wirtschaftspartner.
Für den Bereich der Entwicklungszusammenarbeit mit Lateinamerika hat die Bundesregierung ein Lateinamerikakonzept
ausgearbeitet, in dem die historisch-kulturelle Verbindung zu Europa betont wird. Die Reformen in den 1980er und 1990er Jahren hin zu mehr Demokratie und einem Umbau in Staat und Wirtschaft werden als positiv herausgestellt. Die Bewahrung der Ökosysteme
mit ihrer globalen Bedeutung und die Minderung der sozialen Ungleichheit zur Sicherung von Frieden und Demokratie werden aber weiterhin als strategische Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung genannt. Lateinamerika gehört nicht zu den ärmsten Regionen der Welt, weist aber im globalen Vergleich die krassesten Unterschiede zwischen arm und reich auf. Die Hintergrundanalyse hebt hervor dass sich Korruption und organisierte Kriminalität dort breit machen wo gesellschaftliche und öffentliche Ordnungskräfte versagen. Die Stärkung der Zivilgesellschaft und die Modernisierung des Staatsapparates bilden den dritten Schwerpunkt deutscher Entwicklungszusammenarbeit in Lateinamerika.
Im Zusammenhang mit der neuen Definition Brasiliens als Globaler Entwicklungspartner (GEP) kommt es zurzeit zu einer Neuorientierung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
mit Brasilien. Dieses kürzlich entwickelte Konzept des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung versteht GEPs als "Schwellenländer bzw. aufstrebende Länder, die zusätzlich über wesentliche Merkmale von Industrieländern verfügen und durch ihre geopolitische Bedeutung globale Prozesse im Rahmen der G-20-Formation gestalten." Die Kooperation zwischen Deutschland und den derzeitigen GEP-Ländern Brasilien, Mexiko, Indien, Südafrika und Indonesien soll dazu beitragen, soziale, ökologische und politische Ziele, insbesondere der Milleniums-Entwicklungsziele, zu erreichen.
Die bilaterale Zusammenarbeit
Deutschlands mit Brasilien konzentriert sich auf die Schwerpunkte Schutz und nachhaltige Nutzung der Amazonas- und atlantischen Tropenwälder Brasiliens, die Armutsreduktion und, als neu hinzugekommen, die Förderung erneuerbarer Energien. Im ersten Bereich profitiert die deutsche EZ immer noch von der von Deutschland 1990 initiierten PPG7-Initiative zum Schutz der Tropischen Wälder, die jetzt in 2010 nach 15 Jahren ausläuft. Im Bereich Energie geht es darum, Brasilien trotz einer bereits sehr hohen Energieversorgung auf der Basis von Wasserkraft auch andere erneuerbare Energieträger
wie Wind- und Sonnenenergie anzubieten, wo Deutschland besonderes Wissen und Technologien anzubieten hat. Der bisherige Schwerpunkt der Armutsbekämpfung im Nordosten wird eventuell zurückgefahren unter dem Gesichtspunkt, dass Brasilien in der Lage sein sollte, das Armutsproblem selbst zu lösen.
Seit ersten Januar diesen Jahres besteht eine Fusion zwischen DED, GTZ und InWent, die zusammen nun die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)
bilden.
Der Deutsche Entwicklungsdienst (DED), der jetzt einen Teil der GIZ bildet, ist seit 1969 in Brasilien tätig und arbeitet zusammen vornehmlich mit Nichtregierungsorganisationen. Der DED konzentriert sich hauptsächlich auf Projekte im Bereich der Armutsbekämpfung wie z.B. in ländlichen Regionen bei Biodieselproduktion oder bei der Unterstützung organischer Landwirtschaft. Der DED hat lange Zeit seinen Schwerpunk im Nordosten gehabt. Vor kurzem aber hat er seine Tätigkeiten mehr auf das Amazonasgebiet konzentriert und sich aus seiner ursprünglichen Arbeitsregion zurückgezogen.
Bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), heute auch ein Teil der neuen GIZ, nimmt neben den beiden Schwerpunkten Tropenwalderhalt und Umwelt/Energie, auch der Bereich Armutsbekämpfung im Nordosten weiterhin eine wichtige Rolle ein. Neben dem Schrumpfungsprozess der letzten Jahre sind die stärkere Einbindung in nationale Entwicklungsprogramme und das Andocken an von internationalen Entwicklungsbanken und bilateralen Gebern finanzierte Programme zunehmend wichtig. Im Schwerpunktbereich Umweltmanagement und erneuerbare Energieträger kann die deutsche EZ vor allem im Bereich der Altlastensanierung und des Flächenrecycling wertvolle Erfahrungen einbringen. Das Tropenwaldprogramm gliedert sich in drei thematische Linien: Naturschutz, zu dem die Ausweisung von Naturschutzgebieten zählt; Ausweisung und Management von Indianergebieten
; und Raumordnungsfragen mit Blick auf den Ressourcenschutz.
Durch das große internationale Naturschutzprogramm ARPA
hat Brasilien es sich zum ehrgeizigen Ziel gesetzt, 50 Millionen Hektar Wald in Amazonien zu schützen. In der ersten Phase des Programms des ARPA wurden 2006 ca. 90.000 km2 neue Gebiete für Parks und weitere 90.000 km2 neue Gebiete für nachhaltige Entwicklungsgebiete erklärt. Das ARPA soll 10 Jahre lang dauern und 395 Mio. Dollar kosten. Die brasilianische Regierung gibt dabei 18,1 Mio. Dollar frei. Global Environment Facility und WWF beteiligen sich ebenso wie andere Institutionen.
Débora Bendocchi Alves, Dr. phil., geboren 1959 in Brasilien. Studium der Geschichte und Pädagogik. Dozentin für brasilianische Geschichte an der Iberischen und Lateinamerikanischen Abt. des Historischen Seminars der Universität zu Köln.
Für Anregung und Kommentare wäre ich Ihnen dankbar.
Diese Länderseite wurde im März 2013 zum letzten Mal aktualiziert.
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