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Für die Mechanisierung fehlt die Fläche und das Geld © MP Houscht

Wirtschaft und Entwicklung

Alle wichtigen Strukturdaten zu Wirtschaft und Entwicklung
BeschreibungInhalt
geschätztes BIP (2013):140 Mrd. US-$
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität):2.100 US-$
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI):Rang 142
Anteil arme Haushalte:31,5%
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient):0,321
Anteil alphabetisierte Erwachsene:57,7%

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Das LIPortal

Bangladesch

Wirtschaftssektoren

Bewässerung in der Rabi-Saison © MP Houscht
Bewässerung in der Rabi-Saison © MP Houscht
Reis und Linsen © MP Houscht
Reis und Linsen © MP Houscht
Beliebte Einkommen schaffende Maßnahme © MP Houscht
Beliebte Einkommen schaffende Maßnahme © MP Houscht
Berufsausbildung © MP Houscht
Berufsausbildung © MP Houscht

Die Volkswirtschaft Bangladeschs hat sich - zumindest in monetärer Hinsicht - in den Jahren seit der Unabhängigkeit von einer vorwiegend landwirtschaftlich geprägten Ökonomie zu einer Industrie- und Dienstleistungsökonomie gewandelt. Der traditionell stark entwickelte Sektor der Landwirtschaft trägt heute nur noch knapp ein Fünftel zum BIP bei. Demgegenüber steht ein erheblicher Bedeutungsgewinn des industriellen Sektors und des Dienstleistungsbereichs.

Gleichwohl verdingen sich nach wie vor drei von fünf Erwerbstätigen im landwirtschaftlichen Sektor. Insbesondere für die ländliche Bevölkerung (etwa drei Viertel der Gesamtbevölkerung) stellt die landwirtschaftliche Produktion die wichtigste Möglichkeit dar, den Lebensunterhalt zu verdienen.

Die weitaus bedeutendste Nutzpflanze ist Reis. Rund 10,5 Millionen Hektar (etwa 73% der gesamten Fläche) werden zum Anbau von Reis genutzt. Des Weiteren hat der Weizenanbau über die vergangenen Jahrzehnte an Bedeutung gewonnen. Aktuell liegt die Produktion bei über 1,25 Millionen Tonnen Dennoch ist Bangladesch weiterhin auf den Import von Weizen angewiesen, um die rund 4 Millionen Tonnen für den inländischen konsum bereitstellen zu können.

Eine weitere wichtige Nutzpflanze ist Jute. Auch wenn ihre Produktion mehr und mehr zurückgedrängt wird, ist Jute immer noch eine wichtige Einnahmequelle auf dem Weltmarkt. Auch ist eine Renaissance der Jute nicht ausgeschlossen.

Von wachsender volkswirtschaftlicher Bedeutung ist das Aquafarming, die Zucht von in erster Linie für den Export bestimmten Fischen und Schalentieren. Die ökologischen und letztlich sozialen Kosten dieses Wirtschaftszweigs sind hoch: Die Böden des dicht besiedelten Landes versalzen durch die Überflutung von Feldern. Dennoch werden diese negativen Folgen aufgrund der großen Gewinne, die sich durch den Export erzielen lassen, von politischer Seite vernachlässigt.

Der Aufschwung des industriellen Sektors ist in erster Linie dem Boom der Textilindustrie zu verdanken. Ihren Anfang nahm diese Erfolgsgeschichte, als südkoreanische Textilproduzenten in den 1980er Jahren versuchten, die Quoten für Textilimporte der Industrieländer zu umgehen, indem sie sich vermehrt in Bangladesch ansiedelten. Heute beschäftigt die insbesondere in der Umgebung der Großstädte Dhaka und Chittagong ansässige Textilindustrie über vier Menschen. Seit Ende 2013 gilt ein neuer Mindestlohn für Näherinnen; er wurde auf 5.300 Tk im Monat erhöht. Dies reicht indes noch immer nicht aus, ein menschenwürdiges Dasein zu fristen. Und selbst der neue Mindestlohn wird noch längst nicht überall bezahlt.

Die Clean Clothes Campaign hat in einer breit angelegten Studie das Geschäftsgebaren der hiesigen Discounter unter die Lupe genommen und kommt zu erschreckenden Erkenntnissen.

Am 24. April 2013 stürzte in Savar, unweit der Hauptstadt Dhaka, ein neunstöckiges Fabrikgebäude ein. Zum Zeitpunkt des Unglücks arbeiteten dort über 3.500 Menschen, obwohl bereits am Vortag des Einsturzes Risse an dem Gebäude aufgetaucht waren und die Polizei die Schließung angeordnet hatte. 1.138 Menschen starben bei der größten Katastrophe in der Textilindustrie des Landes.

Die Katastrophe erhöhte den Druck auf die Modeketten, das Brandschutz- und Gebäudesicherheitsabkommen zu unterzeichnen. Anfang Juli 2013 trat das Abkommen, das mittlerweile von über 170 Unternehmen unterzeichnet wurde, in Kraft. Es sieht vor, dass unabhängige Sicherheitsinspektionen vorgenommen werden, Reparaturen und Renovierungen verpflichtend werden und dabei auch die Konzerne sich an den Kosten beteiligen müssen. Es geht auch um die Einbeziehung der Arbeiter und Gewerkschaften. Jahrelang bemühte sich die Kampagne für Saubere Kleidung darum, ein solches Abkommen auf den Weg zu bringen. Es bedurfte dieser Katastrophe, bis sich auch die Konzerne bewegten. Allerdings fehlen nach wie vor ein Großteil der Mittel für den Opfer-Entschädigungsfonds.

Ungeachtet der Wachstums der Textilindustrie ist die Struktur des industriellen Sektors nach wie vor durch die Be- und Verarbeitung von Agrarprodukten, eine geringe Diversifizierung, viele Betriebe der Klein- und Heimindustrie und nur wenige große und mittlere Betriebe gekennzeichnet. Die Schlüsselindustrien sind in den Großräumen Dhaka und Chittagong konzentriert.

Im Dienstleistungssektor arbeiten etwa 26% der Erwerbsbevölkerung Bangladeshs, die mehr als die Hälfte des BIP durch Dienstleistungen erwirtschaften.

Wirtschaftsindikatoren, Analysen, Statistiken

Bangladesch hat in den Haushaltsjahren 2010-2012 im Schnitt ein Wirtschaftwachstum von rd. 6,3% erzielen können. Besonders der industrielle Sektor und hier die Bekleidungsindustrie konnten ungeachtet des ausgelaufenen Multifaserabkommens einen großen Beitrag hierzu leisten. Immer wichtiger werden die Auslandsüberweisungen der vor allem im Nahen Osten beschäftigten bangladeschischen Auslandsarbeiter. Sie liegen mit geschätzt über zwölf Milliarden US-Dollar um ein Vielfaches höher als die Nettomittelflüsse aus der Entwicklungszusammenarbeit.

Nach Angaben des UNDP-Berichts zur menschlichen Entwicklung rangiert Bangladesch an 146. Stelle des so genannten Human Development Index.

Die von der asiatischen Entwicklungsbank herausgegebenen Quarterly Economic Updates geben Auskunft über Entwicklungspotenziale und wirtschaftliche Kernprobleme Bangladeschs. Die Bank aktualisiert auch regelmäßig wichtige Entwicklungsindikatoren.

Während die so genannte Einkommensarmut nur langsam, d.h. um rund ein Prozent jährlich zurückgeht, sieht es bei den "weichen" Entwicklungsindikatoren Bildung und Gesundheit besser aus. Allerdings liegt die Müttersterblichkeit mit rund 200 Todesfällen auf 100.000 immer noch auf einem erschreckend hohen Niveau. Die Zwischenbilanz bei den Millenniumsentwicklungszielen aus der Sicht der Menschen ist dementsprechend gemischt.

Vor dem Hintergrund einer wachsenden Bevölkerung, einer schrumpfenden Landressourcenbasis und der endemischen Armut haben Verteilungs- und Chancenkonflikte in den letzten Jahren zugenommen. In den Städten bilden sich immer größere Slums. Angehörige der bessergestellten Schichten konkurrieren um die Plätze an den besten Universitäten und die vergleichsweise wenigen gut bezahlten Arbeitsplätze. Selbst für die urbane Mittelschicht werden höhere Aufwendungen für Lebensmittel und Energie zum Problem. Die ländlichen Räume und die kleineren Städte leiden unter einer unzureichenden Infrastruktur im Schul- und Gesundheitswesen sowie unter einer wenig ausdifferenzierten mittelständischen Wirtschaftsstruktur. Hier konkurrieren Landarbeiter insbesondere außerhalb der Hochphasen der Ernteeinbringung um Gelegenheitsarbeiten. Viele Männer verlassen temporär ihre Dörfer und suchen Arbeit z.B. als Rikschafahrer in Dhaka oder als Schiffsabwracker in Chittagong. Damit erhöhen sie dort das Angebot billiger Arbeitskräfte sowie den "Dichtestress" und vergrößern die ohnehin schon enormen Herausforderungen an das Transportwesen, das Abwassermanagement und die Energieversorgung.

Bangladesch ist ein rohstoffarmes und zunehmend energiehungriges Land. Während der zweiten Amtszeit von Khaleda Zia wurden keine neue Kraftwerke gebaut. Gleichzeitig wuchs aber die Bevölkerung um rd. 12 Millionen und wuchs auch die Volkswirtschaft. Das Land verfügt über Erdgasvorkommen, aber es wird befürchtet, dass schon in einigen Jahren nicht genug Gas gefördert wird, um die Gas betriebenen Kraftwerke, Düngerfabriken oder auch Fahrzeuge (z.B. mit komprimiertem Erdgas betriebene Taxis) am Laufen zu halten. Der Strom aus alternativen Energienquellen reicht nicht aus. Solarstrom ist zwar angesichts sehr starker Wachstumsraten eine Erfolgsgeschichte, doch sind bislang nur etwa 300.000 Haushalte davon erfasst und eignet sich der Solarstrom bislang eher als Insellösung. Bislang wird mehr Kohle als Gas im bzw. unter dem Land vermutet, wobei in den vergangenen Jahren nicht ernsthaft nach neuen Feldern, v.a. im Golf von Bengalen Ausschau gehalten wurde. Um die Kohle im größeren Maße abbauen zu können, müsste nach Einschätzung verschiedener Experten allerdings dies im offenen Tagebau geschehen. Demonstrationen dagegen auch mit Todesfolge gab es schon im Nordwesten (Phulbari). Der Verlust von Ackerland und Umsiedlungen im großen Stil wären unmittelbare Folgen des offenen Tagebaus

Um den Defiziten bei der Energieversorgung zu begegnen soll in Bangladesch ein Kohlekraftwerk in Khulna gebaut werden. Im Rahmen eines Joint Venture Abkommens mit der indischen Firma "National Thermal Power Company" soll das Kohlekraftwerk eine Leistung von 1.320 Megawatt erbringen.

Das im Gefolge der Metropolisierung und Globalisierung auch ökonomische Chancen entstehen, zeigt das Beispiel spezialisierter Müllsammler.

Auch 2011/12 litten viele Menschen in Bangladesch unter drastischen Preiserhöhungen für Energie und Nahrungsmittel. Wieder sind wohl Millionen Menschen auf Grund der Teuerung unter die Armutsgrenze gedrückt worden und müssen hungern. Anfang 2013 fiel die Inflationsrate unter 8%.

Entwicklung und Entwicklungspolitik

Frauen demonstrieren für ihre Rechte © MP Houscht
Frauen demonstrieren für ihre Rechte © MP Houscht
Traditionell wird Reis als Rücklage genommen © MP Houscht
Traditionell wird Reis als Rücklage genommen © MP Houscht
Küchengärten für bessere Ernährung und zur Einkommensergänzung © MP Houscht
Küchengärten für bessere Ernährung und zur Einkommensergänzung © MP Houscht
Schriftführerin einer Selbsthilfegruppe © MP Houscht
Schriftführerin einer Selbsthilfegruppe © MP Houscht
Frauengruppe plant nächste Schritte © MP Houscht
Frauengruppe plant nächste Schritte © MP Houscht
 

Armut, Armutsbekämpfung und die Millenniumsziele

Bangladesch gehört ungeachtet relativ konstanter jährlicher BIP-Wachstumsraten in der Größenordnung von rund 6% und Fortschritten bei einigen sozialen Indikatoren (z.B. Sterblichkeit von Säuglingen und Kleinkindern, Einschulungsrate) noch immer zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt.

Der so genannte Multidimensional Poverty Index macht das Ausmaß der Armut besonders deutlich: 58% der Bevölkerung leiden unter mehreren Einschränkungen im Sinne von unzureichender Gesundheit und Bildung; 21% der Haushalte sind verwundbar für solche Einschränkungen. Viele Haushalte leiden zudem unter Mangelernährung: 40% der Kinder sind unternährt. Zwar ist die Einschulungsrate mit über 90% erfreulich. Doch weniger als die Hälfte der Kinder besucht eine weiterführende Schule. 70% der Kinder können auch am Ende der fünften Klasse weder lesen noch schreiben. Viele Millionen Menschen im Land finden drei bis sechs Monate im Jahr keine Arbeit oder ein geregeltes ausreichendes Einkommen. Nicht drei Mahlzeiten am Tag sind dann oft möglich, sondern eine oder zwei. Fleisch und Fisch und hochwertiges Gemüse fehlen dabei oft. Manchmal reicht es nicht einmal zu Reis, insbesondere in der jüngeren Vergangenheit, in der sich der Preise für Reis verdoppelt haben.

Landarbeiter ohne Landbesitz, Kleinbauern, frauengeführte Haushalte (v.a. Witwen, Geschiedene), Menschen mit Behinderungen oder Angehörige ethnischer Minderheiten, die vielfachen Formen der Diskriminierung ausgesetzt sind, gehören zu den Armen und extrem Armen. Hohe Armutsprävalenzen gibt es v.a. an den Rand- sowie Grenzgebieten, v.a. in den Provinzen Barisal, Khulna und Rangpur.

Letztlich darf man bei der Diskussion über den Stand der Armutsbekämpfung und den Status bei den Millenniumszielen nicht nur quantitative Indikatoren sehen, sondern die strukturellen Aspekte dahinter wie auch Querbezüge. Der Klimawandel in Bangladesch hat schon längst Spuren hinterlassen, z.B. in Gestalt der Versalzung der Böden, die immer stärker von den Küstengebieten ins Landesinnere vordringt. Erreichte (Produktions-) Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte können so bald wieder dahin sein mit Konsequenzen für die Zielerreichung bei den anderen MDGs.

 

Nationale (staatliche und nicht-staatliche) Entwicklungsanstrengungen

Am 16.10.2005 wurde die Armutsstrategie des Landes unter dem Titel "Unlocking the Potential. National Strategy for Accelerated Poverty Reduction" verabschiedet, in der die damalige Regierung darlegte, wie sie die Millenniumsentwicklungsziele erreichen wollte. Das 367 Seiten starke Dokument zeichnet eine Agenda, bestehend aus acht Punkten, für die Armutsbekämpfung. Zu den genannten Punkten zählen Beschäftigung, Muttergesundheit und Ernährung, Bildung, Hygiene, lokale Regierung und Strafjustiz.

Anfang 2010, d.h. unter der AL-Regierung, wurde die National Strategy for Accelerated Poverty Reduction II beschlossen, die u.a. folgende Felder als prioritär ansieht:

(i) Makroökonomische Stabilität und Inflationskontrolle

(ii) Kampf gegen Korruption

(iii) Ausreichend Strom und Energie

(iv) Überwindung von Armut und Ungleichheit

v) Herstellung Guter Regierungsführung

Die Regierung hat im Juni 2010 einen Perspektivplan (2010-2021) vorgelegt, der den o.g. Prioritäten Rechnung trägt und in den beiden Fünf-Jahres-Plänen 2011-15 und 2016-20 umgesetzt werden soll. Herausragende Ziele sind die Eliminierung des Analphabetentums bis 2014, eine Erhöhung des Pro-Kopf-Energieverbrauchs auf 600 kwh (2009: rund 170 kwh), eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens auf 2.000 US-$ (2009: 621 US-$) und ein Digitales Bangladesh (Gesellschaftliche Durchdringung der Informationstechnologien; ein wichtiger Slogan im Wahlkampf der AL).

Im aktuell sechsten Fünfjahresplan (SFYP) 2011-2015 wird die weitere Entwicklung von kleinen und mittelgroßen Unternehmen als wichtiges Element für ein breitenwirksames Wachstum gesehen. Die Unternehmen sollen dabei Kredite, die Mitarbeiter Aus- und Fortbildungen erhalten.

 

Staatliche Transferleistungen

Eine wichtige Rolle im Kontext der Armutsbekämpfung spielen die so genannten safety nets; das sind Transferleistungen, die Ressourcen zugunsten armer und verwundbarer Haushalte umverteilen. Das Bangladesh Bureau of Statistics schätzt, dass rund 40 Millionen Menschen dauerhaft fehlernährt sind. Die meisten verfügen nur über die Ressource "Arbeitskraft". Daher werden einige Transferleistungen (in Gestalt von Geld oder Reis/ Weizen) an die Erbringung von Arbeitsleistungen z.B. im Rahmen von "food for work" geknüpft. Beim "Vulnerable Group Development", das ausschließlich arme Frauen als Zielgruppe hat, werden nicht nur Nahrungsmittel an die Betroffenen geliefert, sondern die Frauen erhalten auch Fortbildungen. Eine andere Form des „safety net“ fokussiert Kinder im Grundschul- und Sekundarstufe 1 Bereich. Hier werden Stipendien an Kinder aus armen Haushalten vergeben, damit diese ihre Schulbildung fortsetzen können. Es wird demnach auch versucht, Leistungen der Sozialhilfe mit entwicklungspolitischen Zielsetzungen zu verbinden. Leider tritt auch bei den Programmen der Sozialhilfe Korruption auf, gehen oft die wirklich Bedürftigen leer aus und profitieren stattdessen diejenigen, die über Kontakte und Geld verfügen.

 

Mikrokredite

Die Vergabe von Mikrokrediten gehört zu den am meisten eingesetzten Instrumenten der Armutsbekämpfung in Bangladesch. Maßgeblich zu ihrer Verbreitung in Bangladesch beigetragen hat die Grameen Bank. Mittlerweile hat sie bei den zahlreich vertretenden Nichtregierungsorganisationen im Land Nachahmer gefunden. Auch diese geben nun Kredite an die jeweiligen Zielgruppen und helfen dabei, Klein- und Kleinstunternehmen zu starten. Ende 2006 wurde dem Gründer der Bank, Muhammad Yunus, und der Grameen Bank der Friedensnobelpreis verliehen.

Es gibt allerdings deutliche Schattenseiten der Mikrokredite, die in der gerade von einflussreichen politischen Kreisen gesteuerten Euphorie untergehen. Immer mehr KreditnehmerInnen sind überschuldet. Den Kreditinstitutionen geht es offenkundig um eine hohe Rückzahlungsquote, nicht um Entwicklung. Bezeichnend sind die Erfahrungen in Jobra, dem ersten Dorf, wo Yunus 1976 Haushalte mit Krediten ausstattete. Die erste Darlehensnehmerin starb 1998 bettelarm. Vielen anderen erging es nicht anders. In Jobra selbst wurde mittlerweile jegliche Forschung eingestellt. Es passt nicht in das PR-Konzept der Bank. Yunus selbst reduziert das Scheitern rhetorisch gerne auf die Dimension des Hinfallens. Doch nicht alle stehen hinterher wieder auf.

(Mikro-) Kredite, die vom "Banker der Armen" gerne als das entwicklungspolitische Instrument per se gesehen werden, wirken tendenziell apolitisch, indem sie Ausbeutungsstrukturen unberührt lassen, die Ursache und Motor von Armut sind. Sie sind asozial, indem nicht auf Solidarität abgestellt wird, um gemeinsam gegen die Mitgiftpraxis, Frühverheiratungen oder Kindes- und Frauenmisshandlungen vorzugehen. Statt sich zu solidarisieren, beschleunigt die Arbeitsweise der GB die Entsolidarisierung. Frauen, die Schwierigkeiten mit der Rückzahlung haben, werden aus der Kreditgruppe geworfen. Yunus’ Aussage, Kredit sei "der Schlüssel zur Menschlichkeit", mutet da zynisch an.

 

Zivilgesellschaft

Die Fortschritte, die ungeachtet fortbestehender hoher Prävalenzen von chronischer Armut im sozialen Bereich seit der Unabhängigkeit des Landes erzielt werden konnten, sind nach Einschätzung von Entwicklungsexperten nicht das Resultat einer überdurchschnittlich effektiven Entwicklungsverwaltung oder innovativen Politikentwürfen, sondern den zahlreichen NROen im Land zu verdanken, die bis heute wichtige, im Grunde staatliche Leistungen v.a. im Gesundheits- und Bildungssektor erbringen und dabei finanzielle Hilfen von ausländischen Gebern erhalten.

Frauen sind in der Politik zwar prominent vertreten (Premierminister, Oppositionsführer) und auch der Anteil der weiblichen Abgeordnetensitze im Parlament (Jatiya Sangsad) - 64 der 345 Abgeordneten sind Frauen, wobei aber 45 davon über eine Quote ins Parlament gelangt sind und kooptiert werden - ist so hoch wie nie zuvor. Doch bleibt Empowerment der Frauen v.a. in den ländlichen Gebieten ein Desiderat. Hinzu kommen als Probleme die verbreitete häusliche Gewalt gegen Frauen auch in der besonders schlimmen Form der Säureattentate oder des Frauenhandels, ihre niedrige Alphabetenrate, die sehr hohe Müttersterblichkeit sowie der restriktive Zugang zum Arbeitsmarkt und andere Benachteiligungen. Es gibt indes zivilgesellschaftliche Initiativen, die nachahmenswert sind. Hier zu nennen sind Monira Rahman und die von ihr gegründete Acid Survivors Foundation. Die Stiftung betreut Säureopfer und sensibilisiert Öffentlichkeit wie Politik für die Notwendigkeit, entschieden gegen die Praxis der Säureattentate wie gegen die Attentäter selbst vorzugehen.

Kinderarbeit ist oft Ausdruck von Armut. Es gibt nach Schätzungen über 460 Berufe - 65 davon werden als gefährlich eingestuft -, in denen Kinder beschäftigt sind. Besonderen Schutz benötigen die Straßenkinder.

Ausländische Entwicklungsanstrengungen (multilaterale, bilaterale)

Viele multi- und bilaterale, staatliche und nichtstaatliche Organisationen sind in Bangladesch aktiv und arbeiten dort zusammen mit der Regierung des Landes wie auch mit nichtstaatlichen Organisationen und anderen Teilen der Zivilgesellschaft.

Mit der am 2. Juni 2010 unterschriebenen Joint Cooperation Strategy haben die Regierung Bangladeschs und 18 Entwicklungspartner Grundpfeiler ihrer Zusammenarbeit fixiert und dabei sich auch auf die Paris-Deklaration über die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit (2005) und den diese ergänzenden Aktionsplan von Accra (2008) bezogen. Zu den unterzeichnenden Partnern gehören die Asiatische Entwicklungsbank, Australien, Kanada, Dänemark, die EU, Deutschland. die Islamische Entwicklungsbank, Japan, Südkorea, Niederlande, Norwegen, Spanien, Schweden, Schweiz, Großbritannien, UN, USA und die Weltbank.

Neben den bilateralen und multilateralen Gebern auf Regierungsseite, v.a. vertreten durch die "big four" - Weltbank, ADB, Japan und DFID - haben auch viele andere renommierte internationale Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen ihren Sitz und ihre Wirkungsstätte in Bangladesch. Hier sind beispielhaft zu nennen Oxfam und HEKS.

Deutscher EZ-Beitrag

Bangladesch ist ein Schwerpunktpartnerland der deutschen EZ. Seit der Unabhängigkeit Bangladeschs hat Deutschland dem Land im Rahmen der bilateralen Hilfe rund 2,5 Milliarden Euro zugesagt. Rechnet man die deutschen Mittel dazu, die im Rahmen der multilateralen Hilfe (u.a. Weltbank, Asiatische Entwicklungsbank, EU) geflossen sind, erhöhen sich die Zusagen auf rund 4,5 Milliarden Euro. Federführend für die deutsche EZ mit Bangladesch ist das BMZ.

Die bereits 2006 festgelegten drei Schwerpunkte der bilateralen Zusammenarbeit lauten

- Gesundheit, Familienplanung, HIV/AIDS-Bekämpfung

- Energieeffizienz und erneuerbare Energien

- Gute Regierungsführung, Menschenrechte und kommunale Entwicklung.

In Dhaka sind die beiden großen Durchführungsorganisationen GTZ (jetzt GIZ) und KfW vertreten. Für den entwicklungspolitisch äußerst wichtigen Energiesektor entsendet die Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe (BGR) Fachleute.

Auch eine größere Zahl bekannter kirchlicher und privater Nichtregierungsorganisationen arbeitet in Bangladesch.

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Juli 2014 aktualisiert.

Über den Autor

Martin Peter Houscht

Dr. M. P. Houscht war als Politikwissenschaftler, Gutachter und Forschungskoordinator in und zu Bangladesch im Einsatz; aktuell noch regelmäßige und intensive Aufenthalte in Bangladesch.

Ich freue mich auf Ihre Kommentare, Anregungen, Kritik.

Literaturhinweise

zum Thema Wirtschaft

zum Thema Entwicklung

überwiegend zu entwicklungspolitischen Abhandlungen des BMZ und der DSE (später InWEnt, GIZ)

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