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Afghanen, Äthiopier, Araber, Türken, Eroberer aus Nordasien und viele andere Völker und Nationen kamen in den letzten ca. 4.000 Jahren nach Bengalen und prägten die Geschichte
der Region.
Die knapp 200-jährige britische Herrschaft in Bengalen - dazu gehörte das heutige Bangladesch sowie die heutigen indischen Bundesstaaten Westbengalen, Orissa und Bihar - führte zu einer Agrarisierung der bengalischen Wirtschaft. Neue Landbesitzer und Geldverleiher lebten parasitär von den cash-crops der Pachtbauern. Industrieansiedlungen in Bengalen wurden durch die Briten bewusst verhindert. So wurde zum Beispiel zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als die Hälfte an Jute in Ostbengalen produziert. Es gab jedoch dort keine einzige Jutemühle. Große Teile der Ernte wurden sofort nach England befördert.
Bangladesch bildete von 1947, als die britische Herrschaft endete, bis 1971 den östlichen Teil Pakistans. Die Konfliktlinien zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil Pakistans, die etwa 1.600 Kilometern voneinander entfernt lagen, waren stark ausgeprägt. Die sprachlichen und kulturellen Differenzen waren stärker als die propagierte islamische Identität, die das geteilte Pakistan hatte entstehen lassen. Der Westteil sah sich eher dem Kalifat in Bagdad verbunden; der Ostteil orientierte sich in Richtung Südostasien. Politisch signifikant war die faktische Dominanz der Westpakistanis in Politik und Wirtschaft sowie die angestrebte Dominanz im kulturell-sprachlichen Bereich. Obwohl im Ostteil mehr Menschen lebten, lag die politische Führung in der Hand von Politikern aus dem Westen. In der öffentlichen Verwaltung betrug das Verhältnis 1:13,5; beim Militär (Offiziersränge) 1:11 zu Gunsten des Westteils. Ökonomisch blieb der Ostteil Rohstofflieferant und Absatzmarkt. Die Diskriminierung des Ostteils
war damit so gut wie umfassend. Nach einer Eskalation der Gewalt in Form eines neunmonatigen blutigen Befreiungskrieges
entstand 1971 in Südasien ein neuer unabhängiger Staat - Bangladesch.
Der Freude über die Unabhängigkeit Bangladeschs Ende 1971 folgte schnell die Ernüchterung - und die Erkenntnis, dass Ausbeutung und Ungerechtigkeit nicht nur von Briten oder Pakistanis ausgeht.
Die Geschichte des Landes, vor allem die für viele Familien bis heute traumatischen Ereignisse im Kontext des Befreiungskrieges, ist auch vielen lange nach 1971 Geborenen präsent. Das gegenwärtig stattfindende Kriegsverbrechertribunal
tut ein Übriges.
Bangladesch ist eine Volksrepublik (People' s Republic of Bangladesh) mit einer seit 1991 wieder geltenden parlamentarischen Demokratie als Regierungsform. Es handelt sich um einen Einheitsstaat (im Gegensatz z.B. zum Bundesstaat mit föderaler Gliederung), der über kommunale, indes in ihren Befugnissen schwach bleibende Verwaltungsorgane verfügt.
Die Verfassungsväter des neuen Staates Bangladesch meinten es gut: Sie wollten dem Land eine substanzielle demokratische Ordnung geben und schrieben Demokratie neben Säkularismus, Nationalismus und Sozialismus als grundlegende Staatsziele fest. Befreit von den Fesseln westpakistanischer Einflussnahme und den Erfahrungen politischer Ohnmacht und wirtschaftlicher Übervorteilung, feierte das Volk seine neue Verfassung als Ausdruck nationaler Selbstbestimmung. Die Verfassung könnte in weiten Teilen zweifelsohne auch die eines westeuropäischen Staates sein. Allerdings wurde die Verfassung
seither erheblich verändert.
Beispiele für wichtige dauerhafte Veränderungen sind die Proclamation Order No. 1 (1977), durch die das staatstragende Prinzip des Säkularismus durch die Formel "absolut trust and faith in the Almighty Allah ..." ersetzt wurde, sowie die achte Verfassungsergänzung, die dem Islam den Rang einer Staatsreligion verlieh. Temporäre Bedeutung hatte die vierte Verfassungsergänzung, durch die die parlamentarische Demokratie zugunsten einer präsidialen, de facto autokratischen Regierungsform aufgegeben wurde.
Durch den zwölften Zusatz im August 1991 wurde Bangladesch wieder eine parlamentarische Demokratie. Das Amt des Premierministers ist mithin aufgewertet, das des Staatspräsidenten auf repräsentative Funktionen zurückgestuft worden. Dem Premierminister untersteht ein Ministerrat (Kabinett).
Die meisten Verfassungsergänzungen waren nicht die Folge von demokratischen Entscheidungsprozessen, sondern Akte der Willkür. Einen Grenzfall stellt der im März 1996 beschlossene dreizehnte Zusatz dar. Die für die Abhaltung zukünftiger Parlamentswahlen wichtige Regelung, wonach eine neutrale Übergangsregierung die Wahlen vorbereiten und durchführen soll, wurde im Grunde von einem Ein-Partei-Parlament verabschiedet. Das Parlament war zwar das Ergebnis einer Wahl, doch wurde diese von allen wichtigen Oppositionsparteien boykottiert. Hier tritt die Differenz zwischen Legalität und Legitimität besonders hervor.
Das Oberste Gericht erklärte im Juli 2010 den fünften Zusatz
zur Verfassung, mit dem das Kriegsrechts in den Jahren 1975 bis 1979 legitimiert worden war, für rechtswidrig. Im Mai 2011 kassierte das Gericht auch den 13. Zusatz
.
Das Parlament hat bei nur einer Gegenstimme, jedoch ohne Beteiligung der BNP und ihrer Verbündeten an der Parlamentssitzung, am 30. Juni 2011 die 15. Verfassungsänderung
verabschiedet. Im Mittelpunkt der jüngsten Änderung steht die Abschaffung der Übergangsregierung, wie sie 1996 von der AL verlangt und durchgesetzt wurde und die sich nach Meinung von Wahlbeobachtern bei den folgenden Parlamentswahlen auch bewährte. Vermutlich ist die jetzt ebenfalls von der AL forcierte Abschaffung des Systems eine Reaktion auf das Agieren der letzten Übergangsregierung unter Fakhruddin Ahmed, der mit Unterstützung des Militärs versucht hatte, sowohl Sheikh Hasina als auch Begum Khaleda Zia die politische Zukunft zu verbauen und damit weit über das eigentliche Mandat der Übergangsregierung hinausging. Aufgrund der Verfassungsänderung wird nun die AL die kommende Parlamentswahl vorbereiten. Protest gegen diese Entscheidung hat sich formiert, Streiks
fanden statt und eine große Kundgebung
wurde ausgerufen. Mittlerweile droht die BNP offen damit, die für Anfang 2014 angesetzten Parlamentswahlen zu boykottieren, sollte keine neutrale Übergangsregierung dann die Amtsgeschäfte innehaben.
Mit Überraschung wurde von Teilen der Zivilgesellschaft die Bestätigung des Islam als Staatsreligion
aufgenommen, da angenommen worden war, dass die AL beabsichtige, möglichst nah an die ursprüngliche Verfassung von 1972 zu rücken. Allerdings wurde der Zusatz "Absolutes Vertrauen und der Glauben an den Allmächtigen Allah soll die Basis allen Handelns sein“ aus der Verfassung gestrichen.
Groß ist die Enttäuschung bei den indigenen Völkern
in Bangladesch, die gehofft hatten, verfassungsmäßige Anerkennung zu erhalten. In der Verfassung ist nun von ethnischen Gruppen
die Rede. Sheikh Hasina hält es nach Meinung von Beobachtern wie ihr Vater: "Wir sind alles Bangladeschi!"
Die Zahl der für Frauen reservierten Sitze ist von 45 auf 50 erhöht worden.
Die nachfolgende Tabelle bildet die administrative Struktur in Bangladesch ab, wobei die Ebenen District, Upazila und Union den Local Government Bereich umfassen.
Administrative Einheiten | |
Bezeichnung der Einheit | Zahl |
Division (Provinzen) | 7 |
District (Distrikte) | 64 |
Upazila/Thana (Kreise) | 509 |
Union (Gemeinden) | 4.500 |
Mauza (Dörfer) | 87.320 |
Die Distrikt-Verwaltung ist traditionell die wichtigste administrative Einheit in Bangladesch. Die politische Lenkungs- und Kontrollfunktion wird vom jeweiligen Distriktrat (Zila Parishad) ausgeübt.
Die Aufgaben der Distrikträte bestehen u.a. in der Sicherstellung der öffentlichen Wohlfahrt, Erhaltung bzw. Ausbau der Infrastruktur (z.B. Straßen, Brücken, Fähren), Unterhaltung von Gesundheits- und Bildungseinrichtungen sowie in der Absicherung und Beschleunigung von allgemeinen Entwicklungsmaßnahmen auf Distriktebene, die durch die Unterstützung der auf Union-Ebene stattfindenden Aktivitäten erreicht werden soll. Wie auch die anderen Einheiten der lokalen Verwaltung, sind die Distrikte vor dem Hintergrund eines geringen Steueraufkommens in ihrer Finanzausstattung auf Zuschüsse der Zentralregierung angewiesen. Der Deputy Commissioner ist der höchste Vertreter der Zentralregierung auf Distriktebene. Trotz wiederholter Versprechungen fanden bislang keine Wahlen zu den Distrikträten statt. Im Dezember 2011 bestellte die Regierung 61 Administratoren
- mehrheitlich Awami League Führungskader - für 61 Distrikträte. Im Januar 2012 stellte die Regierung abermals Wahlen
zu den Distrikträten in Aussicht.
Die 1982 unter Ershad eingeführten Upazila Räte als Kernstück der Kreisverwaltung wurden nach dem Macht- und Systemwechsel im Jahre 1991 wieder abgeschafft; Anfang 2009 aber wieder reaktiviert. Die mächtigste Exekutivperson in der Upazila-Verwaltung ist der Upazila Nirbahi Officer, ernannt durch die Local Government Abteilung des Local Government Ministeriums. Auch auf dieser Ebene besteht eine Aufgabenteilung zwischen Zentral- und lokaler Verwaltung. Entwicklungsprojekte werden zwar grundsätzlich von der Upazila Exekutive betreut, in Fällen von nationaler oder regionaler Bedeutung bleibt die Zentralregierung jedoch federführend. Alle Entwicklungspläne auf dieser Ebene bedürfen der Absegnung durch die Zentralregierung. Die Upazila Parishads
werden aufgrund eines Ende November 2011 erlassenen Gesetzentwurfs von ihren jeweiligen Vorsitzenden dominiert. Außerdem üben Parlamentsvertreter eine Beratungsfunktion aus, die den Entscheidungsspielraum der andereren Ratsmitglieder weiter einschränkt.
Mit dem noch unter der Khaleda Zia Regierung 1993 verabschiedeten "Local Government Amendment Act" sind die Union Parishads zu "Brennpunkten" der lokalen Planung und Verwaltung geworden. Jede Union ist in neun Unterkreise unterteilt, von denen jeweils eine Person in den Union Parishad gewählt wird. Dazu kommen noch direkt gewählte weibliche Mitglieder, die jeweils drei wards repräsentieren.
Die Union Parishads haben unter anderem im engeren administrativen Bereich die folgenden Aufgaben:
Zu den entwicklungsbezogenen Aufgaben gehören u.a.:
Nach Schätzungen verbringt ein Union Parishad Vorsitzender 70 Prozent seiner Zeit mit der Schlichtung von Streitfällen.
Die eigenen Einnahmequellen für die Unions ergeben sich aus einer jährlichen erhobenen Boden- und Gebäudesteuer, Lizenzgebühren, Gebühreneinnahmen aus der Verpachtung von öffentlichen, d.h. im Besitz der Union befindlichen Ländereien oder Teichen (jalmahals). Was für die Distrikt- und Upazila-Verwaltungen gesagt wurde, gilt auch für die Unions. Die Einnahmen reichen bei weitem nicht aus, um die Vielfalt an Funktionen wahrnehmen bzw. finanzieren zu können. Auch klagen die Union Parishads über Einmischungen
durch die Parlamentsabgeordnete und die jeweiligen Vorsitzenden der Upazila Parishads in ihre Arbeit.
Neben den genannten ländlichen Lokalverwaltungen existieren noch Pourashavas und Muncipal Corporations. Letztere sind die Vertretungskörperschaften der Großstädte des Landes, während Pourahavas die Stadtverwaltungen kleinerer Städte (ab 15.000 Einwohner) bezeichnen. Seit der Rückkehr zur Demokratie werden die Stadträte der Pourashavas und Muncipal Corporations direkt vom Volk gewählt. Zu den Aufgaben der Stadtverwaltungen gehören unter anderem das Gesundheitswesen, Unterhaltung und Bau von Straßen, Brücken und Kanalisationssystemen, Beleuchtung von Straßen und das Personenstandsregister. Durch das in den Großstädten gewachsene Steuer- und Gebührenaufkommen hat sich auch die Finanzausstattung der Stadtverwaltungen etwas verbessert, die in der Lage sind, einen größeren Teil ihrer Aufgaben eigenständig zu finanzieren als dies für die übrigen Verwaltungseinheiten festgestellt wurde. Durch das rasche Bevölkerungswachstum, auch durch die Migrationsströme in die urbanen Zentren bedingt, ist die Aufgabe an die Stadtverwaltungen allerdings nicht kleiner geworden.
Die wichtigsten Faktoren für den Dank des Mehrheitswahlrechts sehr hohen Sieg - die Grand Allianz unter Führung der AL (Awami League
) konnte Ende 2008 262 der 299 Parlamentssitze erringen - waren die sich unter Begum Khaleda Zia, BNP (Bangladesh Nationalist Party
) rapide verschlechternde innere Sicherheit, die neue Rekorde erreichende Korruption und die von vielen als noch stärker gewordene Verbindung von Politik und Untergrundstrukturen. Eine besondere Bedeutung kam dabei dem ältesten Sohn Khaleda Zias zu; Tareque Zia, der mit einer Gruppe aus skrupellosen Geschäftsmännern, zwielichtigen Machtmenschen und gestandenen Kriminellen über das Hawa Bhaban
genannte Banani-Büro der BNP im Verdacht stand, Terror über das Land zu bringen. Aus der Reihe der Jungtürken entstammt auch die Idee und treibende Kraft, die paramilitärische Sondereinheit Rapid Action Battalion
(RAB) zu gründen, die bei ihrem vordergründigen "Kampf gegen Terrorismus und Korruption" seit ihrem Bestehen immer wieder mit schweren Menschenrechtsverletzungen in Zusammenhang gebracht wurde. Die RAB besteht bis zum heutigen Tag fort und begeht nach Meinung von Menschenrechtlern weiterhin extralegale Hinrichtungen.
Politische Beobachter befürchten, dass unter dem Vorwand, eine Politik der "Zero-Tolerance Against Militancy
" zu betreiben, nicht nur militante Gruppierungen ins Visier von Polizei und para-militärischen Verbänden gelangen, sondern auch Teile der Zivilgesellschaft
, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen oder für politisch sensible Themen wie z.B. den kontrovers diskutierten offenen Tagebau in Phulbari
engagieren. Nach Berichten der Menschenrechtsorganisation Ain-o-Shalish-Kendro wurden Journalisten, die sich kritisch über Regierungsmitglieder äußerten, angegriffen, eingeschüchtert und inhaftiert. Allein im ersten Halbjahr 2012 wurden drei Journalisten getötet und 43 mit dem Tode bedroht.

Politisches Machtzentrum in Bangladesch ist die Exekutive und hier v.a. das Kabinett
unter Vorsitz des Premierministers
. Es ist üblich, dass der Führer der stärksten Partei vom Präsidenten zum Premierminister ernannt und mit der Regierungsbildung beauftragt wird. Dem Premierminister kommt nicht nur die Leitung der Kabinettsitzungen zu. Er hat das Recht zur Regierungsumbildung und ihm obliegt die Kontrolle der Geheimdienste, der Streitkräfte und der paramilitärischen Einheiten. Demgegenüber ist die Rolle des Präsidenten
- wiewohl Staatsoberhaupt und formal Kopf der Exekutive - im Wesentlichen auf repräsentative Aufgaben beschränkt. Er wird vom Parlament für fünf Jahre und maximal zwei Amtsperioden gewählt.
Das Amt des Premierministers wird seit 1991 in Personalunion mit dem Amt des Chefs der jeweiligen Regierungspartei - BNP (1991-1996, 2001-2006), AL (1996-2001, 2009-) - ausgeübt. Angesichts der fehlenden innerparteiischen Demokratie verfügt der Parteichef über enorme Macht in der jeweiligen Partei. Aufgrund der aktuellen Mehrheitsverhältnisse im Ein-Kammer-Parlament
- die gegenwärtige Regierung kann sich seit ihrem Erdrutschsieg bei den letzten Parlamentswahlen 2008 der Zustimmung von rund 270 AL-Parlamentariern sicher sein und hat somit eine komfortable parlamentarische Mehrheit - übt die Exekutive aktuell einen großen Einfluss auf die Legislative aus; umgekehrt findet faktisch keine parlamentarische Kontrolle der Exekutive statt. Zwar entscheidet das Parlament de jure über den Haushalt, beschließt zu erhebende Steuern, ratifiziert Verträge oder initiiert Verfassungsänderungen. Infolge der Dominanz der AL und der fehlenden innerparteiischen Demokratie hat de facto jedoch die exekutive Spitze das ausschließliche Sagen bei Gesetzesentwürfen. Hinzu kommt, dass die größte Oppositionspartei BNP die Parlamentssitzungen überwiegend boykottiert
. Anfang 2009 war die mangelnde numerische Präsenz der Opposition in der ersten Reihe des Parlaments Grund für den Boykott, später forderte die BNP die Umsetzung ihrer 10-Punkte-Charta (darunter auch die Forderung, Anklagen gegen Khaleda Zia, ihren Sohn und weitere BNP-Führungspersönlichkeiten fallen zu lassen).
Wie schon die Vorgängerregierungen, so baut auch die gegenwärtige AL-Regierung ihre Netzwerke in der Verwaltung, im Rechtswesen und im Militär aus. Auch im Regierungskabinett folgen Ernennungen und Umbesetzungen meist dem Prinzip der Patronage: Premierministerin Sheikh Hasina hat ihr Kabinett seit ihrem Amtsantritt bereits mehrfach umgebildet und erweitert.
Der Dominanz der Exekutive zum Trotz haben die Parlamentsmitglieder große Einwirkungsmöglichkeiten in ihren Wahlkreisen, wo sie ungeachtet der nun gewählten Upazila Parishads (Kreisräte) Zugang zu und Kontrolle über entwicklungsrelevante Ressourcen haben.
Die großen Parteien, insbesondere AL und BNP, werden von zwei quasi-dynastischen Persönlichkeiten geführt: Sheikh Hasina und Begum Khaleda Zia. Beide Frauen sind Erben des politischen Vermächtnis' ihrer ermordeten Männer und genießen dank dieser Position eine unangefochtene Machtstellung in ihrer jeweiligen Partei. Sie nehmen nicht nur großen Einfluss auf den Kandidatenauswahlprozess für Partei- und Staatsämter, sondern geben insgesamt den Takt für die politischen Auseinandersetzungen vor. Die oppositionelle BNP hat aufgrund ihrer starken gesellschaftlichen Verankerung das Potential, durch Generalstreiks (Hartals) mächtigen außerparlamentarischen Druck zu erzeugen.
Frontorganisationen der Parteien AL und BNP (Studentenvereinigungen, Bauern- und Arbeitervertretungen) sind teilweise militant. So sind etwa einige Studentenführer der Organisationen Chattra League
(AL) und Chattro Dal
(BNP) mit Klein- und anderen Waffen ausgestattet und kontrollieren - anstelle der Universitätsverwaltung - die Vergabe von Bau- und Instandhaltungsarbeiten an der Universität. Die Chattra League hat unter dem Eindruck der gewonnenen Parlamentswahlen zahlreiche Übergriffe auf Mitglieder der Chattro Dal begangen. Polizisten, obwohl anwesend auf dem Campus, halten sich in der Regel auch wegen Weisungen von oben zurück. Andere Frontorganisationen sind in kriminelle Machenschaften wie Erpressung oder die illegale Kontrolle von Aufträgen im öffentlichen Beschaffungswesen verwickelt. Teilweise weisen diese Frontorganisationen Strukturen auf, welche denen von kriminellen Banden oder Milizen ähneln.
Die religiösen Parteien treten nicht offen im Machtkampf auf, sondern setzen darauf, dass die Bipolarität zwischen AL und BNP und die Fortsetzung klientelistischer Politik ihnen politische Wettbewerbsvorteile bringen. Insbesondere die JI legt einen Fokus auf Armutsbekämpfung. Freilich sieht sie sich weiter dem Argwohn eines Großteils der Zivilgesellschaft ausgesetzt, nämlich den Kräften, die für die Unabhängigkeit Bangladeschs und damit auch einen säkularen Gesellschaftsentwurf eintreten und nicht vergessen haben, dass die JI und ihre Studentenorganisation auf der Seite der Pakistanis standen und Kriegsverbrechen gegen die eigene Bevölkerung verübten. Obwohl bei den Parlamentswahlen 2008 auf den Status einer Splitterpartei reduziert, kann die JI weiter mit ausländischer Unterstützung rechnen, an ihrem korruptionsfreien Image weiterarbeiten und den Bau von Koranschulen vorantreiben.
Madrassen werden oft als Instrument genutzt, um Ideologien zu verbreiten und um als Deckmantel für militante Aktionen zu dienen. Allein die in Kuwait ansässige RIHS
(Revival of Islamic Heritage Society) kanalisierte Gelder nach Bangladesch, mit denen mehr als 1.000 Moscheen und Madrassen errichtet wurden, auch mit dem Ziel, Jihadis zu rekrutieren. Bombenattentate - z.B. die landesweiten Detonationen 2005 - und der Kauf von Waffen wurden ebenso von diesen Geldern finanziert. Dieses Beispiel verdeutlicht die internationale Vernetzung der islamistischen Bewegung in Bangladesch. Islamische NRO haben zunehmend weitere Geldquellen erschlossen, in dem sie wirtschaftlich aktiv geworden sind (Investitionen in Transportunternehmen, Pharmakonzernen, Finanzinstitutionen, Immobilien). Der Wirtschaftswissenschaftler Abul Barkat schätzt, dass das jährliche Nettoeinkommen allein der islamischen NRO etwa 1,8 Mio. USD beträgt. Knapp 70% der Einnahmen entspringen Geschäftstätigkeiten; 30% der Gelder stammen aus dem Ausland.
Machtpolitisch bedeutsam ist auch das Militär
, das aufgrund der Korruption und Ineffektivität der Polizei immer wieder Aufgaben im Rahmen der Sicherung oder (Wieder-) Herstellung der inneren Sicherheit übernehmen muss. Ohne das resolute Handeln der Streitkräfte im Januar 2007 wäre das Land wohl unweigerlich auf die Anarchie zugetrieben. Freilich wirft die Meuterei der unter der Führung der Armee stehenden Grenztruppen im Februar 2009 auch ein Licht auf die Machtkämpfe innerhalb der Armee.

Das Parteiensystem wird durch die Konkurrenz der beiden großen Parteien AL und BNP geprägt. Nennenswerte parlamentarische Stärke haben in der Vergangenheit nur die JP (Jatiya Party - Ershad) und - bis zu den letzten Wahlen - die JI erzielt. Aufgrund des im Land geltenden Mehrheitswahlrechts spiegelt die Sitzverteilung im Parlament nicht die realen Stimmenanteile wider. So entfielen bei den Wahlen 2008 auf die AL 49% und auf die BNP 33% der Stimmen. Das Mehrheitswahlrecht verhindert zwar die politische Fragmentierung innerhalb der Jatiya Sangsad, begünstigt dadurch aber auch die Bipolarität zwischen AL und BNP.
Ungeachtet der ausgeprägten Leistungsdefizite staatlicher Institutionen, der undemokratischen innerparteiischen Entscheidungsstrukturen und der in der letzten Dekade verstärkt gewalttätig ausgetragenen Parteienrivalität ist der Glauben an die Demokratie innerhalb der Bevölkerung ungebrochen. 87% Wahlbeteiligung bei den letzten Parlamentswahlen 2008, eine hohe Beteiligung auch und insbesondere bei Frauen auf der Union- und Upazila-Ebene und lautstarke Proteste zivilgesellschaftlicher Gruppierungen gegen Willkür- und Unrechtsakte des politischen Establishments untermauern das demokratische Bewusstsein breiter Bevölkerungsgruppen.
Für die hohe Wahlbeteiligung
bei den Parlamentswahlen von 2008 waren von der Übergangsregierung initiierte Neuerungen des Wahlsystems mitverantwortlich. Vor allem Frauen und Angehörige sozialer, ethnischer und religiöser Minderheiten berichteten, dass sie zum Urnengang bereit waren, weil ihnen die Erstellung des Wählerverzeichnisses und die ausgehändigte Wähleridentifikationskarte mehr Sicherheit boten. Während die Wahlen 2001 von Wahlbetrug und wesentlich mehr Gewalt begleitet wurden, traf auch die friedlichere Wahlkampfatmosphäre auf Zustimmung der Bevölkerung. So war der Ausnahmezustand erst zwölf Tage vor den Wahlen aufgehoben worden. Dies hatte zu einem sehr kurzen Wahlkampf geführt, bei dem eine hohe Militärpräsenz zudem die sonst üblichen gewaltbereiten Auseinandersetzungen der politischen Gegner verhinderte.
Regierung und Opposition geben sich in Bangladesch traditionell unnachgiebig. Eine Kompromisskultur gibt es nicht. Bereits eine angedeutete Verhandlungsposition wird als Schwäche ausgelegt; von politischen Gegnern, den Wählern und selbst von Parteifreunden. Stärkedemonstration nach innen wie nach außen sind Persönlichkeitsattribute, auf die politische Führungseliten nicht verzichten können oder wollen. Der unerbittliche Machtanspruch hat im Land eine einzigartige "Alles oder Nichts" - Haltung hervorgebracht, die seit der Wiedereinsetzung der zumindest auf dem Papier demokratischen Ordnung im Jahr 1991 zu einer de facto Blockade des parlamentarischen Betriebes führte.
Die jeweilige Opposition war und ist nicht bereit, im Parlament das Pro und Kontra einer politischen Sachfrage zu diskutieren und am Ende durch die Regierungsmehrheit in Demokratie kompatibler Weise niedergerungen zu werden. Sie verlagert stattdessen die Diskussion auf die Straße, sucht die Konfrontation, mobilisiert ihre Anhänger und zwingt die Gesellschaft zur Immobilität, indem so genannte Hartals ausgerufen werden. Bei diesen Streiks blockieren die Anhänger der den Hartal ausrufenden Partei die Straßenverbindungen und legen so das öffentliche Leben lahm. Was als Jahrzehnte altes demokratisches Recht in der Auseinandersetzung gegen Briten, Westpakistanis und später Autokraten wie Ershad gerechtfertigt erschien, erweist sich aber für den Aufbau einer demokratischen Ordnung als schädlich. Hartals dienen entgegen der Propaganda ihrer Protagonisten auch nicht dem "Volksinteresse", sondern nach Überzeugung vieler Menschen im Land dem eigennützigen Anliegen einer politischen Führungsclique, die über ein komplexes Patronagesystem Tausende von Anhängern vor das Fuhrwerk eines permanenten politischen Kräftemessens
mit politischen Gegnern spannt und das Volk zur Geisel nimmt.
Die Verhängung des Notstandes
und die vom Militär gestützte Übergangsregierung, die im Januar 2007 unter Leitung von Fakhruddin Ahmed
die Amtsgeschäfte bis Ende Dezember 2008 übernahm, wurde auch von vielen Menschen in Bangladesch zunächst als eine Art Notbremse gesehen, die betätigt werden musste, um der sich in den Jahren 2001 bis 2006 schnell verschlechternden Sicherheitslage im Inneren mit zunehmenden politischen Attentaten
, einer zunehmenden Stärkung islamisch-fundamentalistischer Kräfte und der Allianz von politischer Führung und kriminellen Akteuren
Herr zu werden.
Mit der Ausrufung des Notstandes und der Verschiebung der Parlamentswahlen, die ursprünglich für den 22. Januar 2007 angesetzt waren, sollte der Übergangsregierung die Zeit gegeben werden, umfassende Reformen im politischen System zu lancieren und gegen das Grundübel der Korruption vorzugehen.
Die Übergangsregierung reformierte die Wahlkommission und die Antikorruptionsbehörde, setzte in Ansätzen die Trennung von "niederer" Gerichtsbarkeit und Exekutive
durch, drängte auf innerparteiische Reformen und größere Transparenz v.a. im Hinblick auf die Finanzen, ging rigoros gegen die Korruption vor und setzte sich für eine dezentralisierte Machtausübung ein. Während die Zivilgesellschaft in Bangladesch diese Aktionen im Prinzip begrüßte, stieg der Unmut über die Art und Weise, wie die Übergangsregierung arbeitete. Auch wurde kritisch angemerkt, dass die Übergangsregierung kein Mandat des Volkes hatte. Man forderte eine Roadmap zurück zur Demokratie.
Die Übergangsregierung war mit dem ehrgeizigen Reformprogramm und dem auch noch wahrzunehmenden politischen Alltagsgeschäft überfordert. Die minus 2
Formel, d.h. der Versuch, die beiden starken Frauen ins Exil zu zwingen bzw. sie aus der politischen Arena zu verbannen, scheiterte. Eine unabhängige Antikorruptionsbehörde
und nationale Menschenrechtskommission
wurde bis zum Schluss ihrer Amtszeit nicht realisiert. Der Kampf gegen Korruption erfolgte eher intransparent. Es war nicht klar, wer warum weshalb inhaftiert wurde. Dadurch entstand eine tiefe Verunsicherung vor allem in Wirtschaftskreisen. Kritisch wurde auch die weitergehenden extralegalen Hinrichtungen gesehen, die Folter und der Druck auf indigenen Minderheiten. So entstand der Eindruck, dass sich die Übergangsregierung sowohl beim Thema Korruption als auch bei den Menschenrechten nicht kohärent verhielt. Verwiesen wurde hier auch auf die Rolle des Militärs und ihren Einfluss auf die Übergangsregierung. Die Übergangsregierung verkeilte sich in der Frage innerparteiischer Reformen in einen Kleinkrieg mit den Parteien. Die Zivilgesellschaft sah sich in die Rolle eines Zuschauers gedrängt. Der Ruf nach baldigen Neuwahlen verstärkte sich. Die Übergangsregierung geriet mehr und mehr unter Druck. Dem Preisanstieg bei den Nahrungsmitteln und bei Brennstoffen begegnete sie zu spät und wenig überzeugend.
Mit dem Sieg der AL bei den Parlamentswahlen
Ende Dezember 2008 erhielt Sheikh Hasina nach 1996 erneut das Mandat, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen.
Der klare Wahlsieg ist auch ein Sieg der säkularen Kräfte in Bangladesch, die die seit 1975 bereits vorsichtig einsetzende und seit 2001 – der Zeitpunkt, als die religiöse Jamaat-e-Islami Ministerposten und damit Regierungsbeteiligung erhielt – rasch voran schreitende politische Islamisierung zum Gegenstand politischer Agitation machten.
Sheikh Hasina versucht - mit unterschiedlichem Erfolg - in ihrer Amtszeit die Inflation, vor allem die Preise für Grundnahrungsmittel, auf einem niedrigeren Niveau zu halten, die Landwirtschaft zu subventionieren und die sozialen Sicherungsnetze auszubauen. Neu ist die Vision eines Digital Bangladesh
mit der man auch die Zukunftsfähigkeit des Landes - und die innovative Kraft der Regierung - verdeutlichen will.
Gegenwärtig gehört das Kriegsverbrechertribunal
zu den vorherrschenden innenpolitischen Themen. Die Verurteilung des Jamaat-e-Islami Politikers Abdul Qader Molla wegen begangener Verbrechen während des Befreiungskrieges – u.a. wird er für den Mord von mehreren Hunderten von Zivilisten und der Vergewaltigung eines Mädchens verantwortlich gemacht – hat zu einem beispiellosen Aufschrei Hunderttausender Menschen v.a. in Dhaka geführt. Seit dem das Urteil am 5.2.2013 gesprochen wurde, demonstrieren Menschen jeden Alters und ohne parteipolitische Motivation gegen das Urteil: Sie fordern die Todesstrafe. Eine zentrale Straßenkreuzung (Projonmo Chattar) in Shahbag
ist zum zentralen Treffpunkt geworden. Auch in den sozialen Netzwerken
ist das Urteil und der Protest dagegen prominent vertreten.
Doch auch Anhänger der Jamaat-E-Islami protestieren gegen das Urteil und fordern die Freilassung Mollas. Am 12.2.2013 kam es zu schweren Straßenschlachten
zwischen randalierten Anhänger Mollas und der Polizei.
Eine weitere Eskalation der Gewalt stellt sich seit dem 28. Februar 2013 ein. Das Kriegstribunal I hatte am 28. Februar die Todesstrafe für den Vizepräsidenten der Jamaat-i-Islami, Delawar Hossain Sayedee
, verhängt. Während die Shabagh-Bewegung das Urteil als Sieg der Menschen bewertete, gingen militante Anhänger der Jamaat-i-Islami auf die Barrikaden
, griffen Menschen an, zündeten Autos und Züge an und verübten weitere Straftaten. Dutzende von Menschen wurden getötet. Generalstreiks
an den folgenden Tagen führten zu weiteren schweren Auseinandersetzungen und Todesfällen. Politische Analysten sehen die Jamaat-i-Islami bereits in einem Überlebenskampf, in dem nun alle Kräfte mobilisiert werden. Was das für die innere Sicherheit bedeutet, lässt sich erahnen.
Am 7. März 2011 wurden die Nationalen Richtlinien
zur Förderung von Frauen verabschiedet, die neben Befürwortung durch große Teile der Zivilgesellschaft auch Kritik erhielt, weil sie nicht weit genug
geht. Zu heftigen Reaktionen kam es seitens dogmatischer islamischer Kräfte
.
Ferner wurde der Right to Information Act
verabschiedet.
What's on in Bangladesh? Im Internet erscheint eine stattliche Anzahl an englischsprachigen Tages- und Wochenzeitungen aus Bangladesch, die durchaus kritisch über tagesaktuelle Themen berichten und interessante Hintergründe in teilweise journalistisch anspruchsvoller Weise dem Leser nahe bringen. Zu nennen sind hier:


und Holiday
sind zwei englischsprachige Wochenzeitungen.
und The Daily Prothom Alo
.
Mittlerweile gibt es neben dem staatlichen Rundfunk
auch eine Reihe privater Anbieter. Die Besitzer der privaten Fernsehsender
haben teilweise enge Beziehungen zu politischen Parteien und/ oder Großunternehmen wie Beximco.
Die Zahl der Internetnutzer verbreitet sich zwar rasant - von rd. 617.000 Nutzer 2010 auf rd. 5,5 Millionen Nutzer 2011 - doch ist dies angesichts der Bevölkerungszahl ein noch geringer Wert. Die Zahlen dürften in den kommenden Jahren noch stark anwachsen.
Überblick
Gewalttätige Übergriffe gegen ethnische Minderheiten
, ungesühnt bleibende Vergewaltigungen von Frauen, Zigtausendfaches Leid von Kinderarbeitern, die teilweise in Schuldknechtschaft ein hartes und kurzes Leben führen müssen, oder extralegale Exekutierungen
sind nur einige Beispiele für Menschenrechtsverletzungen
, die unabhängig von politischen Regime seit der Unabhängigkeit des Landes begangen wurden. Human Rights Watch sieht eine sich verschlechternde Menschenrechtssituation
in Bangladesch. Wer als Bangladescher darüber berichtet, riskiert sein Leben. Manche, wie der Fotojournalist Akash
, mussten ihr Land gar verlassen, weil sie Morddrohungen erhielten.
Die in menschenrechtlicher Hinsicht aktuell bedeutsamen Thema sind Landrechte und Minderheiten
, die Umsetzung des Chittagong Hill Tracts Friedensvertrages, die Unabhängigkeit der Judikative
, die Nationalen Richtlinien zur Förderung von Frauen
, die Nationale Menschenrechtskommisson
, die extralegalen Hinrichtungen und eine Kultur der Straflosigkeit
bzw. fehlende Strafverfolgung.
Die Chittagong Hill Tracts (CHT)
Die Menschenrechtslage für die ethnischen Minderheiten im Land (2% der Gesamtbevölkerung, etwa drei Mio. Menschen) hat sich seit 2009 tendenziell verschlechtert; in den CHT hat der Druck auf die dort ansässige, nicht bengalische Bevölkerung zugenommen. Überfälle sind aber primär machtpolitisch, nicht religiös motiviert. Es sind bengalische Siedler, die sich Wald- und Landressourcen der Minderheiten aneignen. Richterliche Entscheidungen sowie Interventionen von Polizei- und Militärkräften zugunsten der Bengalen setzen die Minderheiten unter großen Druck und verstärken ohnehin vorhandene Existenzängste. Immer wieder, wie z.B. im Februar 2010
, kommt es zu gewalttätigen Übergriffen auf die ethnischen Minderheiten. Der CHT-Friedensvertrag
von 1997 ist bis heute nicht umgesetzt worden. Vor allem die BNP-Regierung, aber auch die Übergangsregierung, kümmerten sich nicht darum. Hunderttausende von Bengalen aus dem Tiefland sind in den vergangenen Jahrzehnten in den CHT angesiedelt worden. Die jetzige Regierung ist der Meinung, dass es sich nicht um einen Konflikt zwischen Bengalen und indigenen Gruppen handelt, da es keine indigenen Gruppen
in Bangladesch gäbe. Dabei stellt man auch die Legitimität des UN Forum für indigene Angelegenheiten, sich zu den CHT zu äußern, infrage. Die internationale Chittagong Hill Tracts Commission
begrüßt dagegen die Empfehlungen des UN Forum
Die Rechte indigener Völker in Bangladesch
Devashish Roy, auch als "König der Chakmas" (Chakmas sind die bevölkerungsmäßig größte indigene Gruppe von elf in den CHT beheimaten Gruppen) bekannt, plädiert für eine verfassungsmäßige Anerkennung der indigenen Völker
. Dies sei die Voraussetzung, um die Rechte und Traditionen dieser Völker zu schützen und um deren Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen zu gewährleisten. Er wendet sich gegen das Argument, dass eine explizite Anerkennung der Rechte der indigenen Völker den Grundsatz des "gleichen Rechts für Alle" unterminiere und die nationale Einheit perforiere. Er verweist in diesem Zusammenhang auf Länder wie Nepal, Malaysia, oder die Philippinen, in denen die Anerkennung der indigenen Gruppen in der Verfassung dazu geführt hat, Diskrimierungen und Gewalt gegen Indigene herabzusetzen. Auch sei es in diesen Ländern gelungen, indigene Gruppen in den "Mainstream" zu integrieren, ohne dass diese ihre kulturellen Identitäten hätten opfern müssen.
Die Korruption in Bangladesch ist ungeachtet eines sich verbessernden Trends im so genannten Corruption Perceptions Index
weiterhin als endemisch zu bezeichnen. Die Antikorruptionsbehörde verfügt weder über ausreichende personelle und finanzielle Mittel noch über ein ausreichend robustes Mandat, um wirkungsvoll agieren zu können. Um beispielsweise Ermittlungen gegen Angestellte im öffentlichen Dienst einzuleiten, benötigt die Behörde die Zustimmung der Regierung.

Grundausrichtung
Bangladesch betreibt - nicht zuletzt wegen der geografischen Lage und der Notwendigkeiten, die sich aus der sozio-ökonomischen Situation des Landes ergeben - im regionalen wie globalen Rahmen eine konstruktive Außenpolitik. In der Bewegung der Blockfreien und der Organisation der Islamischen Konferenz
sowie im Commonwealth
engagiert sich das Land sehr stark.
Besonders aktiv ist das Land im Rahmen von UN-Friedensmissionen. Mit knapp 9.000 Soldaten und Polizisten stellt Bangladesch derzeit das größte Truppenkontingent
weltweit.
Sehr aktiv beteiligt sich Dhaka an der internationalen Klimadebatte. Bangladesch gehört zu den Ländern, die potenziell am meisten vom Klimawandel betroffen sind. Allein 20 Millionen Einwohner könnten bis 2050 zu Umweltflüchtlingen werden, sollte der Meeresspiegel um einen Meter ansteigen. Ende 2011 fand ein internationales Klimaforum in Dhaka statt, an dem auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon teilnahm.
Die vergangenen Jahre unter der Sheikh Hasina-Regierung waren auch gekennzeichnet durch zahlreiche Staatsvisiten. Dabei stehen die Beziehungen zu den neuen "big players" Indien und China
im Vordergrund. Aber auch Besuche in Japan - Japan ist der größte Geber des Landes - nach Deutschland und in die USA standen auf dem Programm von Premierministerin, Außenministerin und anderen Kabinettsvertretern.
Der große Nachbar
Das Verhältnis zu Indien hat sich mit dem Regierungswechsel in Bangladesch 2009 gebessert; dessen ungeachtet sind bilaterale Streitfragen weiter anhängig.
Die Beziehungen zu Indien sind von jeher besonderer Natur, teilen die beiden Staaten doch eine über 4.000 km lange Grenze, kontrolliert Indien die Oberläufe der wichtigsten Flüsse Bangladeschs, und war Indien maßgeblich an der Entstehung Bangladeschs beteiligt. Schwierige Fragen wie Transit, Grenzverlauf, ungeregelter Grenzübertritt und Migration, Wasserverteilung
und Schmuggel werden in regelmäßigen Regierungsgesprächen erörtert. Der Abschluss eines Vertrages über die Aufteilung des Ganges-Wassers im Dezember 1996 hat eine für Bangladesch lebenswichtige Frage geregelt.
In Bezug auf das kostbare Nass gibt es zwei von Indien geplante Großprojekte, die, wenn realisiert, zu erheblichen Problemen für Bangladesch führen würden.
Zum einen ist im indischen Bundesstaat Manipur ein Wasserkraftwerk in Tipaimukh
geplant, das zu einer spürbaren Verringerung der Wassermengen Richtung Sylhet, also Nordostbangladesch führen würde. Die beiden Zuflüsse des Meghnas könnten durch das Stauwehr in der Trockenzeit nämlich gänzlich versiegen. Für die Landwirtschaft, aber auch die Fauna, könnte dies der Super-Gau werden.
Nicht weniger brisant sind die "River Linkage"-Projekte
. Die Flüsse Indiens sollen miteinander verbunden werden, damit Wasser vom Osten nach West- und Südindien transportiert werden kann. In Bangladesch käme in der Folge viel weniger Wasser an; manche Wissenschaftler fürchten gar, das Land könne versteppen.
Anfang September 2011 besuchte der indische Premierminister Manmohan Singh Bangladesch. Es war der erste Staatsbesuch
eines indischen Premierministers seit 1999. Bei dem als „historisch“ bezeichneten Staatsbesuch ging es um umstrittene territoriale Ansprüche, die Teilung von knappen (Wasser-) Ressourcen sowie um Fragen der bilateralen wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Auch wenn die erhoffte Einigung in Bezug auf die Nutzung des Wassers aus dem Teesta-Fluss
ausblieb, einigten sich die beiden Länder auf den so genannten land-swap-deal
, mit dem eine noch vor wenigen Jahren undenkbar erscheinende Neuziehung der Grenzen und ein Austausch der 162 Enklaven er verbunden ist. Ebenfalls positiv für Bangladesch ist der Abschluss eines Zollabkommens, durch das Bangladesch weitere 61 Produkte zollfrei nach Indien exportieren kann. Für beide Länder bedeutsam ist eine Vereinbarung zum Schutz der Mangrovenwälder, die in beiden Ländern liegen. Während die Verhandlungsführer die Vereinbarungen positiv bewerteten, hagelte es die erwartete heftige Kritik
durch die bangladeschische Opposition. Von ihr wurde die in der Tat große Enttäuschung über die nicht getroffene Vereinbarung zum Teesta hervorgehoben.
Pakistan
Die Beziehungen zu Pakistan
sind auch heute noch durch die Erinnerungen an den Unabhängigkeitskrieg geprägt, doch konnten gegenseitigen Besuche in den letzten Jahren zu einer gewissen Entkrampfung beitragen.
Fokus Südostasien und Ostasien
Zu China unterhält Bangladesch sehr gute Beziehungen. Chinas Regierung und chinesische Unternehmen investieren nicht nur stark in den Ausbau der Infrastruktur des Landes, Peking ist auch der wichtigste Waffenlieferant.
Mit Myanmar
wurden Ende 2011 beim Besuch von Premierministerin Sheikh Hasina u.a. die Repatriierung der Volksgruppe der Rohingyas, die Ausweitung des bilateralen Handels und Fragen der Kooperation im Energiesektor erörtert. Ein Streit um den strittigen Verkauf der gemeinsamen Seegrenze wurde im März 2012 durch einen Schiedsspruch des Internationalen Seegerichtshofes zugunsten Bangladeschs friedlich beigelegt. 2012 wurden durch Unruhen in Myanmar erneut Flüchtlingsströme ausgelöst. Trotz der Aufforderung durch die UN, weitere Rohingyas – geschätzte 300.000 leben bereits in Bangladesch - aufzunehmen, verwehrte Dhaka diesen den Zugang ins Land.
Golfstaaten
Eine besondere Rolle spielen die arabischen Golfstaaten, in denen weit über drei Mio. bangladeschische Gastarbeiter
tätig sind. Deren Überweisungen sind mit zuletzt rd. 13 Mrd. USD (Haushaltsjahr 2011/12) nach den Exporterlösen der Textilbranche (18 Mrd. USD) die wichtigste Devisenquelle für das Land.
SAARC, ASEAN und EU
Im Bereich der wirtschaftlichen Integration haben sich bis heute nicht die erhofften Fortschritte ergeben. Bestes Beispiel ist die "South Asian Association for Regional Cooperation" (SAARC
). Auch 25 Jahre nach ihrer Gründung ist SAARC
nicht wirklich aus den Startlöchern herausgekommen. Ein Meilenstein bei den regionalen Integrationsbemühungen könnte eine funktionierende südasiatische Freihandelszone (SAFTA) sein; auch das seit Jahren in der Diskussion befindliche Projekt einer SAARC-„food bank“, um Nahrungsmittelkrisen künftig besser meistern zu können, wird von Dhaka beworben.
Die geostrategische Lage Bangladeschs eröffnet dem Land aber auch Chancen einer vertieften Zusammenarbeit mit den (süd-)ostasiatischen Ländern, mit Zusammenschlüssen wie ASEAN, aber auch im Rahmen der BIMSTEC (Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral Technical and Economic Cooperation).
Wichtigster Handelspartner ist noch vor den USA weiterhin die Europäische Union
– mit Deutschland als dem zweitgrößten Exportmarkt für Waren aus Bangladesch. Die "Everything But Arms"-Initiative (EBA) der Europäischen Union, die den am wenigsten entwickelten Ländern (LDCs) ungehinderten Zugang zum Markt der Europäischen Union gewährt, ist in Bangladesch auf große Zustimmung gestoßen. Aber auch politisch bestehen zu den Staaten der Europäischen Union, wie auch zu den USA, enge Beziehungen.
Beziehungen zu Deutschland
Deutschland hat in Bangladesch eine respektierte Stellung als wichtiger Entwicklungspartner, als zweitwichtigster Exportmarkt und als international bedeutende Wirtschaftsmacht. Ende August 2010 besuchte die Außenministerin Dipu Moni
Bangladeschs Deutschland und traf unter anderem Minister Niebel. Im Juni 2012 besuchte Außenminister Guido Westerwelle Bangladesch. Das bangladeschische Außenministerium zeigte sich irritiert über Äußerungen
des Außenministers zur aktuellen Situation der Menschenrechte, die er bei einer gemeinsamen Pressekonferenz abgab. Der Außenminister hatte sich besorgt gezeigt über die zunehmende Anzahl außergerichtlicher Hinrichtungen und Verschleppungen. Das bangladeschische Außenministerium zeigte sich in einer Pressemitteilung
überrascht über die Aussagen des deutschen Außenministers. Der Geschäftsträger der deutschen Botschaft in Dhaka wurde einbestellt.

Dr. M. P. Houscht war als Politikwissenschaftler, Gutachter und Forschungskoordinator in und zu Bangladesch im Einsatz, aktuell noch regelmäßige und intensive Aufenthalte in Bangladesch.
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Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2013 aktualisiert.
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